Spiekerooger Thesen 2011

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Dr. Irene Antoni-Komar
Vor dem Hintergrund ambivalenter kultureller Prozesse (multiple modernities) wie Technisierung, Beschleunigung, Subjektivierung, Verwissenschaftlichung und Medialisierung, die der Steigerungslogik globalisierter Wirtschaftsgesellschaften folgen und die Diskrepanzen zur Natur in der Gesellschaft ausweiten, ist eine kritische Neuausrichtung diskursiver Regime und sozialer Praktiken erforderlich. Rebellion und Subversion, begriffen als differenzierende „Bühnen des Dissens”, helfen in widerständigen und verwerfenden Aktions-, Guerilla- und Social Swarming-Praktiken, „die Karte des Möglichen neu zu zeichnen” (Jacques Rancière). Über solche eher kurzfristigen alltagsanarchistischen Networks of Action kollektiver Selbstorganisation und Interaktion hinaus kommt gemeinsinnigen Kooperations- und Partizipationsformen in allen gesellschaftlichen Bereichen eine Schlüsselrolle zu. In kreativer Atmosphäre und lokaler Präsenz besitzen diese das Potenzial, zu einer Identität soziokultureller Naturverhältnisse beizutragen.

Dr. Martin Birke
Responsivität als vornehmliche Akteurseigenschaft im Klimawandel
Hinlängliche Antworten auf die Akteursfrage im Klimawandel setzen eine Klärung voraus, wie Akteure gleichzeitig der Komplexität, der Ungewissheit und dem Handlungsdruck des Klimawandels standhalten können. Die dafür nötigen Fähigkeiten und Eigenschaften finden sich „idealtypisch“ komprimiert im Begriff der Responsivität.
Responsivität bezeichnet die individuelle wie kollektive Wahrnehmungsfähigkeit, Verantwortungsübernahme, Handlungsautonomie und (Selbst-)Befähigung der Gesellschaftsakteure, ihr Urteils- und Handlungsvermögen so zu erhöhen, dass die Herausforderungen des Klimawandels und der Umwelt ebenso aufmerksam, achtsam und proaktiv wahrgenommen werden wie die Anliegen der „Mitwelt“.
Als handlungsorientierender Idealtypus erschließt sich der „homo responsivus“ jedoch nur jenseits von Aufklärungsappellen, Bildungspostulaten und Management-Tools: in „nicht-emphatischer“ Klärung seiner organisationalen Voraussetzungen, institutionellen Innovationen und kulturellen Einbetttung.

Dr. Ingolfur Blühdorn
Das Dilemma hochgradig differenzierter, vernetzter und verrechtlichter Konsumgesellschaften ist in der Tat, dass sie trotz aller gegenteiligen Bekundungen weder den politischen Willen aufbringen noch über die politische Fähigkeit verfügen, aus der Logik der Nichtnachhaltigkeit auszubrechen. Dies bedeutet jedoch weder, dass es keine Handlungsmöglichkeiten gebe, noch dass es keine Akteure gebe, noch auch, dass es diesen Gesellschaften erspart bliebe, den Klimawandel zu bewältigen. Von zentraler Bedeutung ist hier das Verständnis von „bewältigen“. Gerade die sozialwissenschaftliche Analyse des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Klimawandel und der Nachhaltigkeitskrise darf „bewältigen“ nicht schlicht als „stoppen“ oder gar „rückgängig machen“ verstehen. Diese Perspektive ist wichtig, aber verengend und am Ende ideologisch, sofern sie nicht ergänzt wird durch die Frage, welche Akteure und Aktionsformen uns helfen, uns mit der Unwilligkeit und Unfähigkeit zu arrangieren, aus der Nichtnachhaltigkeitslogik auszubrechen.

Dr. Daniel Dahm
1. These: Externalisierungen internalisieren
– Externalisierung als Verzerrung des Wettbewerbs gesetzlich kennzeichnen, und mit der Pflicht zur Internalisierung und/oder Kompensation verbinden (Externalisierung von Kosten = Investitionen in Risiken);
– Erhaltungsinvestitionen (Internalisierungen und Kompensationen = Substanzerhalt) zur Risikoreduktion und Renditesicherung inzentivieren.
2. These: Nachhaltige Infrastrukturen aufbauen
– Direktinvestments in nachhaltige Sachwerte durchRegulativenational und auf EU-Ebene fördern; Basel III. und Solvency II. für nachhaltige Infrastruktur-Investitionen anpassen;
– Integrierte Nachhaltigkeit durch Kopplung monetärer und nicht-monetärer Wertschöpfungsstufen inzentivieren.
3. These: Neue Wohlstandsmodelle und Lebensstile gestalten, diskutieren
Der Umgang mit kulturellerund ökologischer Differenz, die Suche nach einer Balance von Haben und Sein und die Stärkung des schöpferischen Handelns von und zwischen Menschen sind wesentliche Aufgaben, die mit der Suche nach Zukunftsfähigkeit verbunden sind.Eine Ethik des Lebens insgesamt ist heute aktueller und mehr ge-fordert als je zuvor.

Arne Dunker
Immer neue Krisen-Meldungen und eine mediale Informationsüberflutung fördern in der Bevölkerung das Gefühl einer Hilflosigkeit gegenüber Bedrohungen der eigenen Zukunft. Gleichzeitig bleibt die vielfach angekündigte Klimakatastrophe scheinbar aus, weil uns der Klimawandel nur in einem schleichenden Prozess unserer Lebensgrundlagen beraubt. Als Konsequenz konzentrieren sich immer mehr Menschen auf ihr individuelles Lebensglück und wenden sich von Gemeinschaftsaufgaben wie dem Klimaschutz ab. Als Gegenmittel müssen abstrakte Begriffe wie „Klima“ mit Leben gefüllt werden. Wer begreift, wie tief persönliches „Glück “ vom Klima geprägt ist, gibt dem Wort Klimaschutz einen viel höheren Stellenwert. Der Anstoß zum Umdenken richtet sich vor allem an junge Menschen. Sie sind offener für Neues als „Alte“, werden nicht durch vorgeprägte Verhaltensmuster im Handeln eingeschränkt und können als Botschafter Einfluss auf Ältere nehmen. Im Vordergrund muss auch für sie das positive Beispiel stehen. Deswegen brauchen wir – als Kontrapunkt zu der zögerlich wirkenden politischen Ebene – eine bessere Sichtbarkeit von Akteuren, die in Wirtschaft und Gesellschaft erfolgreich nachhaltiges Handeln vorleben und ein neues Verständnis von Verantwortung vermitteln.

Ferdinand Dürr
Würde dem Klimaschutz nicht nur im abstrakten Diskurs die Wichtigkeit einer der zentralen Herausforderungen der Menschheit im 21. Jahrhundert eingeräumt, sondern der Diskurs mit der gleichen Dringlichkeit gesellschaftlich wirkmächtig, würde der Klimawandel zum umfassenden gesellschaftlichen Wandel. Dem entgegen steht jedoch die schwer, aber im Kleinen nicht unüberwindliche Trägheit der Masse - in Form des vorherrschenden, häufig scheiternden, aber auch im Klimaregime ständig reproduzierten ökonomischen Systems. Handeln wird folglich weniger von der klimatologischen Notwendigkeit geleitet, als von einer wohl bekannten gesellschaftlichen Starrheit verhindert.

Karin-Simone Fuhs
Die „Zentren“, die die Entwicklung der Weltgesellschaft bisher bestimmt haben, haben eine Achillesferse, die zu ihrer Implosion führen konnte: Vor allem sie sind abhängig von nicht-nachhaltigen Strukturen (z.B. von Finanzmärkten, Erdöl, Wachstumszwang) – und deshalb unbeweglich. Ihre Dominanz führt zu einer ausgeprägten Selbstreferentialität, das heißt zu einer gefährlichen Wirklichkeitsferne und Anpassungsunfähigkeit an dynamischen Umweltbedingungen. Die gesellschaftlichen Labors, die einen Wandel zu klimafreundlichen Lebensstilen benötigen, können vor allem in jenen „Peripherien“ entstehen, die der Modernisierung und „Monokultur“ noch nicht zum Opfer gefallen sind. Es ist kein Zufall, dass „Kreative“ immer öfter in die „Peripherie“ ziehen und sich gegen ihre „Gentrifizierung“ wehren. Sie erleben die schwache Ökonomisierung und Privatisierung dieser Räume als Möglichkeit der Selbstentfaltung und des sozialen Experiments. Hier wird die Dematerialisierung des Lebens als „immaterielle Freiheit“ erlebt. Die oft ausgeprägte „Multikulturalität“ der Peripherie bietet ein Potenzial für eine wahrhaftigere Konstruktion der „Globalität“ jenseits der Massenmedien.

Prof. Dr. Ludger Heidbrink
Die Devise der Zeit könnte „occupy the climate change“ heißen. Allerorten sprießen schräge Protestbewegungen, entrüstete Bürgerinitiativen und militante Widerstandsgruppen aus dem Boden, die sich gegen den Finanzkapitalismus mitsamt seinen desaströsen Auswüchsen für Umwelt und Klima zur Wehr setzen. Genau darin aber besteht das Problem. In der Mehrzahl der Aktivitäten gibt es keinen konkreten Plan, keine vernünftigen Alternativen zum Status Quo. Im Gegenteil, der Widerstand endet häufig im eigenen Vorgarten, wo die Oberspannungsleitung für den Solarstrom stört, oder am Festbüfett, wo das argentinische Lammsteak besser schmeckt als der Eintopf aus heimischem Gemüse.
Menschen sind vielfach schwache Akteure, die durch Egoismus, Gewohnheiten oder Fehlentscheidungen davon abgehalten werden, ihre Ziele konsequent umzusetzen. Damit Aktionen gegen den Klimawandel tatsächlich ihr Ziel erreichen, braucht es deshalb nicht nur Kreativität, Mut und Visionen. Effektive Aktionsformen sind vor allem auf eine nachhaltige Gestaltung des Lebensumfeldes in Form von Selbstbindungen, Erleichterungen und Anstößen – so genannten „Nudges“ (Sunstein/Thaler) – angewiesen, die Akteure darin unterstützen, das zu tun, was sie eigentlich tun möchten, wozu sie aber aufgrund inkonsistenter Verhaltensweisen häufig nicht in der Lage sind.

Hans-Jürgen Heinecke
1. Veränderungen sind selbstverständlich. Individuen, Organisationen und Gesell-schaften verändern sich permanent, automatisch und selbstgesteuert. Sie erfinden sich neu. Wer das nicht schafft, überlebt nicht und schafft Platz für Neues. 2. Still-stand wird als Systemleistung gefeiert. Prozessstabilität und Verlässlichkeit haben sich zu einer omnipotenten Tugend namens Qualität verdichtet. Veränderung atta-ckiert diese Tugend. Sie ist ergebnisoffen, instabil, launisch und chaotisch. Irritieren, reflektieren, experimentieren und infizieren ist die Logik des Wandels: wenig Quali-tät, viel Abenteuer! 3. Macht die Bewegung Sinn? Ist sie ein Fake für die Kulisse oder eine Zumutung, als Veränderungen verkleidet? Ableitung: Abenteuer und Wi-derstand gegen Fakes /Zumutungen haben meine Zuneigung. „Triffst Du einen Changeeuphoriker, dann schau‘ genau hin, ob er sich auch selbst bewegen will!“

Silke Helfrich
Sinn für das Ganze ergibt sich nur in leben-reproduzierenden Mensch-Natur-Beziehungen. Dafür müssen Trennungen (Mensch-Natur, Mensch-Mensch, Subjekt-Objekt) und das daraus resultierende Entweder-Oder-Denken aufgehoben sein. Die wichtigsten Innovationen im Umgang mit dem Klimawandel sind demnach sozialer Natur, wenn und insofern sie auf der Erfahrung beruhen, dass die Entfaltung der anderen Voraussetzung für meine Entfaltung ist und umgekehrt.
Die wichtigsten Innovationen entstehen dort, wo gewöhnliche Menschen ungewöhnliche Dinge tun. Das Ungewöhnliche umfasst drei Aspekte: Sie nutzen die ihnen verfügbaren Ressourcen (und nicht jene der anderen). Sie schöpfen frei aus der Weisheit der Vielen. Sie erhalten mehr Energie aus der Qualität ihrer Sozialbindungen als von Markt und Staat. Diese Aspekte gehören ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die wiederum kulturellen Wandel energetisiert.
Gelingende soziale Innovationen folgen Grundmustern des commoning. Sie zu identifizieren und freie KITs als Katalysator ihrer gesellschaftlichen Wirkmächtigkeit einzusetzen ist die entscheidende Vernetzung, die wir brauchen.

Andreas Kirsche
Die Themen rund um den Klimawandel brauchen eine andere, eine zusätzliche Form der Vermittlung. Genauso wie sich den Menschen die Vergangenheit durch gute Geschichten und Bilder in Literatur, Kunst und Film anschaulicher erschlossen hat, als durch jahreszahlengetriebene Faktendichte, braucht es ein breites Spektrum von Geschichten, die ein Gefühl und ein Verständnis von einer Zukunft im Klimawandel ermöglichen.
Jenseits von Zahlen, Daten, Fakten muss für den Menschen erfahrbar werden, um was es geht, was auf dem Spiel steht. Eine Übersetzung der bisherigen Erkenntnisse zum Klimawandel in Geschichten, die ein Bild entstehen lassen, wie die Welt in 20, 50 oder 100 Jahren aussehen wird. Nicht noch mehr Diagramme, Charts oder kryptische Temperaturkurven. Sondern Geschichten, die Menschen berühren können: Was passiert mit mir? Wie wird mein Alltag aussehen? Und was für Folgen hat das für mich und meine Familie? Wie sehen Lösungen aus? Wie Niederlagen? Das schafft zusätzliche Relevanz.
Denn solange Apple, BMW oder Coca-Cola es schaffen, die besseren Geschichten zu erzählen, werden deren Geschichten und die damit verbundenen Haltungen, Leidenschaften und Lebensstile auch mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Dr. Kora Kristof
Klimawandel, Rohstoffknappheit, Finanz- und Wirtschaftskrise – die Liste der dringend zu lösenden globalen Probleme ist lang. Sie greifen ineinander, befeuern sich gegenseitig und werden zum Symptom einer Krise des gesamten Systems. Unsere Gesellschaft steht vor einem Umbruch.
Doch wie können wir den notwendigen Wandel erfolgreich mitgestalten? Es ist an der Zeit, sich mit Veränderungsprozessen zu befassen: Nur wer versteht, wie dieser Wandel abläuft, kann die Richtung der Veränderungen auch beeinflussen. Wir müssen die wesentlichen Erfolgsfaktoren für Veränderungen kennen und verstehen, woran sich Veränderungsprofis aus der Praxis und der Wissenschaft orientieren. Wir brauchen ein Modell, mit dem Politik, Verbände oder Nichtregierungsorganisationen Veränderungen in der Gesellschaft erfolgreicher anstoßen und gestalten können. Und dafür gibt es auch schon interessante Ansätze.

Prof. Dr. Marco Lehmann-Waffenschmidt
Die Antwort auf die Frage, welchen Akteuren der Gesellschaft bestimmte Handlungspotenziale zugemessen werden können und welche Akteure (möglicherweise) stark genug sind, zu nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen zur Bewältigung des Klimawandels beizutragen, könnte lauten: Die Frage ist eigentlich falsch gestellt. Zwar braucht es sicherlich Schlüsselakteure in Politik, Nichtregierungsorganisationen, Wirtschaft und den Medien, um gesellschaftliche Veränderungsprozesse mit anzustoßen und begleitend zu orchestrieren. Aber die operativen Veränderungsprozesse werden von „atomistischen“ Akteuren in Netzwerkzusammenhängen vollzogen. Auch wenn soziale Netzwerke zu emergenten, nicht prognostizierbaren Ergebnissen auf der Systemebene führen können, zeigen theoretische und empirische Untersuchungen, daß eine gezielte Gestaltung durch intelligente Politikmaßnahmen durchaus möglich ist.

Dr. Reinhard Loske
Die Bekämpfung des Klimawandels erfordert Politikwandel, Wertewandel, Technologiewandel und Lebensstilwandel gleichermaßen. Die verschiedenen Formen des Wandels greifen ineinander und bilden ein Ganzes. Falsche Antagonismen wie "Effizienzrevolution statt Lebensstilwandel", "Green New Deal statt Wachstumskritik" oder "Chancen- statt Risikodiskurse" (oder jeweils umgekehrt) lenken dabei nur vom Ziel ab. Richtig ist , dass die Debatte über Klimaschutz einen positiven und menschenfreundlichen Grundangang braucht, in dem Werte wie Sicherheit, Gerechtigkeit, Glück und neuer Wohlstand eine herausragende Rolle spielen müssen. Falsch ist es m. E. aber, den Klimaschutz auf die Rolle eines neuen Konjunkturmotors für "grünes Wachstum" festzulegen, allein um vordergründige Akzeptanz zu erzielen. Klimaschutz als gesellschaftliches Projekt braucht eben nicht nur Vernunft und Rechenhaftigkeit, sondern auch eine überzeugende Dramaturgie mit interessanten Akteuren und einer gehörigen Portion Spannung.

Dr. Reimar Molitor
Da eine zukünftige Energie-Erzeugungs- und Distributionsform flächenabhängig ist (Erzeugung und Distribution), ist die Frage zu stellen, in welchem Raumgefüge dies zukünftig organisiert wird. Da die Zentren als Hauptenergieabnehmer potentiell wenig Flächen bereitstellen können, wird perspektivisch die Relation zum Umland wichtiger. Das Stadt-Umland-Verhältnis muss also in Bezug auf die räumliche Energieorganisation betrachtet werden. Diesen zukünftig zunehmenden Austauschbeziehungen steht die derzeitige Organisation des Raums entgegen: Zum einen ist die per Grundgesetz garantierte Selbstverwaltungshoheit der Kommunen (§ 28 II GG) (von unten) ein Grund dafür, dass Betrachtungen im regionalen Maßstab mittelfristig nur den Weg über Top-Down-Planungen (von oben) zurück in die konkreten kommunalen Entscheidungen finden. Aber wem gehören die benötigten Flächen für Erzeugung und Distribution? Und wie viel Fläche braucht man, und wo?
Auch die Organisationsform an sich stellt ein Hindernis dar: bei anderen Grundversorgungsthemen - wie z.B. Wasser - bedienen sich die Akteure der sogenannten Zweckverbände. Diese organisieren im Verbund ein sektorales Anliegen. Aber kann man sich das heute wirklich für den Energiebereich vorstellen? Man stelle sich vor, man würde heute Talsperren zur Sicherung der Trinkwasserversorgung NEU planen. Unvorstellbar. Wie sehen also die territorialen Bedarfe einer zukünftigen Energie-Erzeugung- und Distribution real aus und wie will man diese insbesondere im Zentren-Umland-Gefüge organisieren?

Prof. Dr. Niko Paech
Die letzte Ausfahrt vor Erreichen jenes unwegsamen Terrains, das durch historisch einmalige ökologische und ökonomische Krisenszenarien bestimmt ist, wurde leider verpasst. Dabei hatten wir an eine moderne Gestaltungsvision geglaubt: Schließlich sind wir aufgeklärt und frei, also zum Lernen und vernunftgeleiteten Handeln befähigt, überdies in der Lage, eine vorsorgende Politik ins Werk zu setzen, die den Fortschritt vollstreckt und durch Sicherheit stabilisiert. Dieser Traum ist geplatzt. Die risikoaffine Dynamik der Moderne hat die Räume selbst regulierter Gestaltung (Hartmut Böhme) – ich würde sogar sagen: Sphären, in denen Exzesse der Verantwortungslosigkeit zur unhinterfragten Lebenspraktik gedeihen können – anwachsen lassen. Das monströs aufgetürmte, auf materialisierter Freiheit beruhende Wohlstandsmodell ist nicht mehr zu retten. Jetzt kann nur noch versucht werden, den einstürzenden Turm schnell zu verlassen oder wenigstens die eigene Fallhöhe zu verringern. Souveränität durch Genügsamkeit wiederzuerlangen ist das, was noch bleibt, etwa durch daseinsmächtige Alltagspraktiken, resiliente Rettungsboote und -inseln. Der Verfasser von „Small is beautiful“ hat in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag. Was für ein Zufall.

Prof. Dr. Reinhard Pfriem
Auf der einen Seite steht der Klimawandel dafür, dass der evolutorische Fortgang der Gattung Mensch in einem Ausmaß bedroht ist, wie dies trotz aller Seuchen und Kriege neu ist in der Geschichte der Menschheit. Auf der anderen Seite war seit dem 18. Jahrhundert die Ablehnung des industriekapitalistischen Wohlstandsmodells in den frühindustrialisierten Ländern vermutlich noch nie so groß, haben sich die Kräfteverhältnisse in der Welt verschoben und scheinen einen begünstigenden Rahmen dafür zu bieten, dass sich von der lokalen bis zur globalen Ebene Initiativen, Netzwerke und Allianzen bilden, mit deren Energie und Vielfalt man vor einem Jahrzehnt nicht unbedingt rechnen konnte.
U. a. die Entwicklung der Grünen in Deutschland liefert Anschauungsmaterial für die Fallstricke der repräsentativen Parteiendemokratie. Die meisten Initiativen und Netzwerke operieren freilich sehr spezifisch in sehr spezifischen Feldern. Vieles wird davon abhängen, wie weit es gelingt, felderübergreifend zusammenzuarbeiten, von den jeweiligen Erfahrungen gegenseitig zu lernen und damit gemeinschaftsbildende Beispiele dafür zu liefern, dass es anders geht. Die Zeit dafür wird knapper, trotzdem braucht es mehr Zeit dafür, zusammen zu kommen.

Felix Rauschmeyer
Wir stehen in Herausforderungen, die dadurch entstanden sind, dass wir äußerlich (Zahl der Menschen, Ressourcenverbrauch, CO2-Ausstoß, …) viel mehr gewachsen sind als innerlich (Betonung des persönlichen, nationalen, … Eigeninteresses). Inneres Wachsen hat immer das Ziel, sein Selbst zu erweitern. Ich bin nur dann intrinsisch motiviert, den Klimawandel zu bewältigen, wenn mein Selbst auch die umfasst, die vom Klimawandel am meisten betroffen sind: jetzige Arme und künftige Generationen. Inneres Wachsen kann vereinzelt passieren, hilfreicher aber ist eine gemeinschaftliche Unterstützung mit entsprechender Kultur und systemischer Unterstützung. Offenheit, Transparenz, Demut und Selbst-Bewusstheit sind Charakteristika von Gesellschaftswissenschaftlern, die vertrauensbildende, ergebnisoffene und auch zutiefst persönliche gesellschaftliche Prozesse unterstützen können.

Prof. Dr. Wolfgang Sachs
Wie kann geschehen, was geschehen muss? Zunächst einmal ist festzuhalten: Der Wandel ist schon im Gange. Zwar haben Minderheiten nicht die Macht, aber sie haben Einfluss. So hat in den letzten Jahrzehnten quer über den Globus eine „Bewegung ohne Namen“ (Paul Hawken) Aufschwung genommen, vom Biolandbau zum Fairhandel, von Null-Energie-Häusern zur Solarindustrie, von Stadtteil-Initiativen zu globalen Forschungsnetzwerken. Die Bewegung ohne Namen hat keinen Kopf und kein Zentrum, aber sie ist vielgestaltig und global. Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und – außerhalb Europas – die Rechte indigener Völker sind allenthalben ihre Leitmotive, und bei aller Verschiedenheit vereint sie ein Grundgedanke: Die Rechte der Menschen und das Lebensnetz der Natur sind wichtiger als Güter und Geld.
Es ist kein Zufall, dass für diese Neue Internationale weder die Sichel noch der Hammer als Symbol in Frage kommen, sondern allenfalls das Internet. Worauf es ankommt, ist Überzeugungskraft und Vernetzung quer durch die Gesellschaft, die Manifestation auf der Strasse kommt vor allem ins Spiel, wenn es gilt, Widerstand gegen falsche Lösungen zu leisten. Der Konflikt um Zukunftsfähigkeit ist, wenigstens in den wohlhabenden Ländern, nicht Klassen bildend, das heißt die Auseinandersetzungen laufen nicht entlang der Grenzen von Klassen oder Institutionen, sondern durch sie hindurch. Die Neue Internationale operiert mehr durch die Verbreitung konkreter Utopien als durch die Zusammenballung von Kräften; in ihrer Wirkungsweise folgt sie dem epidemiologischen Modell der Ansteckung und nicht dem mechanistischen der Kräftekonzentration.

Tilman Santarius
40 Jahre Umweltbewegung, und sie kann stolz sein: NGOs haben sich mächtig professionalisiert, grüne Unternehmensverbände sind entstanden und Think Tanks boomen. Durch ihre zunehmende Konzentration auf technokratische Lösungskonzepte für Veränderungen im Rahmen von (umwelt-)politischen Prozessen haben sie viel erreicht. Und doch laufen politische Reformprozesse viel zu langsam, und die Verschränkung der Hunger- mit der Energie-, Klima- und Wirtschaftskrise lässt die Zukunft komplexer erscheinen, als mancher dachte. Bis zur großen Transformation ist es noch ein weiter Weg! Statt aber nach neuen Akteuren zu rufen, sollten die bestehenden ihre Strategien überdenken: um wesentlich grundlegender die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu ändern und neben technischen Lösungen auch einen kulturellen Wandel nebst Verhaltensänderungen anzustoßen. Hierfür braucht es neue Forschungsagenden und Aktionsformen, um ökologischen Problemen vermehrt mit systemischen Lösungen begegnen zu können.

Prof. Dr. Gary Schaal
Ein zentraler (kollektiver) Change Agent beim Klimawandel ist und bleibt der demokratische Staat. Über ihn kann die Gesellschaft, die sich der Ursachen und Folgen des globalen Klimawandelns durchaus bewusst ist, in einer Form auf sich selbst einwirken, welche die motivationalen Defizite (und Phänomene der Akrasia) in der Umsetzung der abstrakten Kenntnisse in klimabewusstes Handeln ausgleichen. Hierzu gehört grundlegend die Verankerung von einklagbaren ökologischen Grundrechten in der Verfassung, die Implementation einer zweiten per Los bestellten deliberativen Bürgerkammer auf Bundesebene, die sich ausschließlich mit der „Zukunftsfähigkeit“ der regulären Gesetzgebung beschäftigt und einer ebenfalls zufällig besetzten deliberativen „second stage“ auf Kommunalebene, beides mit dem Ziel, die Selbstaufklärung der Bürger zu verstetigen. Hierüber kann ein intellektuelles Klima erzeugt werden, dass die Kurzfristorientierung privater Politik- und Konsumentscheidungen in Langfristorientierungen transformiert und so ein Hauptproblem, die hyperbolische Diskontierung der Zukunft, zu überwinden hilft.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind
Den Schlüsselakteur einer Klimawende gibt es nicht. Die Klimawende wird in unterschiedlichen Arenen gestaltet – in denen jeweils andere Akteure als Motor wirken. Die Verkehrswende wird stark in Kommunen geprägt, die Ernährungswende treiben Konsumenten. Der Staat bleibt in vielen Bereichen Schlüsselakteur. Sein Handeln wird leichter durch Initiativen von unten – ohne dass diese die Rolle des Staates ersetzen können: Ohne die politischen Entscheidungen des Sommers hätte es auch in Deutschland keine umfassende Energiewende gegeben; eine Agrarwende wird ohne neue Landwirtschaftspolitik kaum möglich sein.
Unternehmen können Beschleuniger des Wandels sein – mit technologischen Innovationen und neuen Geschäftsmodellen. Wie viel schon gewonnen ist, wenn alleine die Blockademacht etablierter Branchen gebrochen wird, dafür war das Jahr 2011 ebenfalls ein eindrucksvoller Beleg.

Prof. Dr. Reinhard Schulz
Peter Bieri hat jüngst in Wie wollen wir leben? darauf hingewiesen, dass es in der modernen Gesellschaft keinen prinzipiellen Unterschied zwischen für wichtig halten und wichtig sein gäbe. Recht verstanden führe dies zu einer Befreiung von fremden Vorstellungen, aber auch zur Anforderung von Übersicht und Klarheit über das, was wir für wichtig erachten. Fremde Vorstellungen in medial aufbereiteter Sprache können dabei sowohl wirklich „wichtigen“ Veränderungen wie auch der reflektierten Selbstwahrnehmung im Wege stehen. Als Gegenstück zu solcherart unfreier Rede erfand die Antike die „Parrhesia“ als die Freiheit oder die Möglichkeit, „alles zu sagen“. Michel Foucault hat in seiner letzten Vorlesung (1983/84, dt. 2010) an die Figur des freimütigen Redners, des Parrhesiasten, erinnert, der sich durch nichts als den unbedingten „Mut zur Wahrheit“ auszeichnete. Doch wie kann die freimütige Rede des wirklichen Parrhesiasten von der des eingebildeten Parrhesiasten („Am Ende des Tages“, „Offen gestanden“ „Ehrlich gesagt“), vom Geschäftsmodell der selbsternannten „Querdenker“ und „Tabubrecher“ unterschieden werden? Dieser Frage widmet sich das Sonderheft Sag die Wahrheit! des MERKUR (2011) unter vielen Facetten, an die ich einige Überlegungen zum Klimawandel anschließen werde.

Dr. Otto Smrekar
Klimawandel im Gefolge von Globalisierung, Bevölkerungsexpansion, Übernutzung und Ausbeutung bis zur Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen macht Mitigation und Adaption notwendig – global wie lokal. Wenn wir auf der Suche nach Auswegen aus den ersichtlichen Problemen durch Erosion und Degradation von Böden nicht buchstäblich den Boden unter den Füssen verlieren wollen, dann müssen wir uns sofort entscheiden für vorsorgende “Raumplanung” im weitesten wie im engeren Sinne. Angepasste und neue Bewirtschaftungsformen der Agrar- und Forstzonen unter Erhaltung von genügend Raum für die natura naturans müssen endlich durchgesetzt werden. Da die Zeit drängt, sollen dazu jetzt besonders die allerjüngsten Kommunikationsmedien eingesetzt werden, die mit ihrer subversiven Kraft, Schnelligkeit und Reichweite überall mehr Druck aufsetzen und so Politik, Wirtschaft und den technologischen sowie wissenschaftlichen Anstrengungen auf die Sprünge helfen könnten. Einen Riesensprung bedeutete es auf jeden Fall, wenn eine Mehrheit der Menschen zur Einsicht kommt: Die Präferenz für Solarenergie in ihren zukunftstauglichen Wandlungsformen ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem eine Frage der Kultur.

Martin Stankowski
„Wir sind doch schon zufrieden, wenn wir von allem über und überreichlich haben! Es kann doch immer noch was dazukommen!“ In diesem Sinne sehe ich zwei Akteure: den letzten Käufer bei Manufactum und den ersten Hungertoten im Kanzleramt.
Solange die Warenströme ununterbrochen fließen und wir von allen – auch den ausgefallensten Dingen – über und über kaufen können, gibt es gar keinen Grund, die Gesellschaft und damit die Dinge zu ändern. Bei Manufactum ist das Glück ja nicht nur möglich, sondern massenhaft vorhanden und zwar in seiner einfachsten, nämlich regressiven Form.
Es sei denn, die „guten Dinge“ gibt es nicht mehr und der letzte Käufer geht leer aus. Wie es den Tausenden schon lange geht, die jetzt noch vor Lampedusa ersaufen. Erst wenn die es schaffen, über Lampedusa hinaus zu kommen, und an Bari, Rom und Zürich vorbei bis ins Kanzleramt gelangen, und das massenhaft, dann sind die Akteure der Veränderung vor Ort.

Prof. Dr. Wolfgang Stark
Wenn wir nicht handeln, wird die Welt ohne Ziele bleiben – Akteure und Aktionsformen in Zeiten des Klimawandels.
Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. (Albert Einstein)
Fast alle Akteure handeln nach dem impliziten Muster, dass wir aktuelle und zukünftige Herausforderungen, die von zunehmender Komplexität gekennzeichnet sind, mit den Handlungsmustern der Vergangenheit (lineare Planbarkeit komplexer Problemstellungen) lösen können.
Komplexe, nonlineare Sachverhalte (wie der Klimawandel mit seinen systemischen und gesellschaftlichen Auswirkungen, aber auch die Turbulenzen in der Finanzwirtschaft) erfordern aber flexible und performative Verfahren (Aktionsformen), wie sie in der Improvisationsforschung entwickelt und in der Kunst (Jazz, Tanz, Theater) gelebt werden. Die Kunst der Improvisation (nicht als Reparaturmodus, sondern als kreatives Verfahren in komplexen Situationen) und nonlineares Denken ermöglicht performative, sich selbst erneuernde soziale Innovationen als Antwort auf komplexe Probleme, die durch den Mythos der Planbarkeit erst erzeugt wurden. Positive Anregungen sind nicht nur in gemeinsamen Lernfeldern mit Musik und Kunst zu finden, sondern auch in den kreativen Mustern aktueller Protestbewegungen, die damit auch ein gestaltendes Potential bekommen.

Peter Unfried
Jeder Einzelne muss sich entscheiden müssen, nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen
Ein entscheidendes Mißverständnis im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist der Gedanke, dass man zwar nichts tue, es aber einen globalen Konsens gebe, dass man selbstverständlich etwas tun müsse. Dieser theoretische Konsens hilft nicht, sondern er lähmt. Es gibt keine globale Pflicht, etwas zu tun. Man kann es auch lassen. Aber es gibt eine individuelle Verantwortung, sich seine Entscheidung klar zu machen. Diese zu erzwingen, bringt eine neue Dynamik. Dieses Jahrzehnt ist das Jahrzehnt der freien Entscheidung eines jeden okayverdienenden Bürgers in den wohlhabenden Industrienationen. Für Lebensstilverantwortung. Für Klimakultur. Für eine Transformation. Oder ganz bewußt dagegen. Ordnungspolitik ist der entscheidende Hebel, aber erst durch Klimakultur wird es diese Politik geben können.

Gerd Wessling
In der Transition-Bewegung bezeichnen wir unser Aktivitäten-Spektrum oft gerne als "Hirn, Herz & Hände der Energie- und Kulturwende". Nach meiner Auffassung ist es unvermeidbar, dass sich früher oder später jedes Individuum auch mit den „inneren“ Aspekten dieses Wandels auseinandersetzen muss.
Dies reicht von Aufmerksamkeit dafür, was die Beschäftigung mit so "großen" Themen wie Klimawandel, Peak Oil / Peak Ressourcen, globaler Gerechtigkeit etc. für psychologische Konsequenzen haben kann (z.B. oft einhergehend mit gelegentlichen Ohnmachtsgefühlen, Lähmung, "Ich kann ja doch nichts ändern", Trauer, Angst etc.), und wie damit angemessen umzugehen ist, als auch sich mit Themen wie "Hilfreiche Methoden der Entscheidungsfindung & Kommunikationsformen in Gruppen etc.“ zu befassen.
Wenn wir wirklich im Schnitt unseren Ressourcenverbrauch im Westen pro Kopf auf ca. 10%-15% reduzieren wollen, und dies hoffentlich freudvoll und unter stetiger Erhöhung der Lebensqualität, werden wir uns alle diesem Prozess stellen müssen.