Spiekerooger Thesen 2013

Dr. Irene Antoni-Komar
Prozesse der Subjektivierung, die neoliberalen Anforderungen folgen, haben in den vergangenen Jahrzehnten individuelle Biographien und persönliche Beziehungen mit ökonomischen Strukturen des Wettbewerbs wie selbstverständlich durchsetzt. Statt Kooperationen für ein Miteinander zu fördern, werden in vielfältigen Kontexten Konkurrenzpraktiken als zukunfts-weisend propagiert. Immer häufiger entweicht der Leistungsdruck jedoch in Verweigerung und Burn out. Andererseits ist zu beobachten, dass zivilgesellschaftliche Bewegungen und ehrenamtliches Engagement voranschreiten. Sie finden ihren Ausdruck in Initiativen wie denen der Transition Towns, städtischen Gemeinschaftsgärten, solidarischer Landwirtschaft oder der steigenden Zahl energiewendewilliger Menschen, die sich in Genossenschaften zusammenschließen. Aus gesellschaftlichen Krisen entstehen Alternativen und Auswege, die ein Gespinst nachhaltiger Lebens- und Unternehmensentwürfe entfalten, in denen kultureller Wandel subversiv praktiziert wird.

Prof. Dr. Lutz Becker
Will man menschlichem Verhalten im Sinne individuellen und kollektiven Verhaltens sowie im Sinne kultureller und damit auch ökonomischer Handlungsmuster auf den Grund gehen, so empfiehlt sich die Frage, ob und warum dieses Verhalten zu irgendeinem Zeitpunkt evolutionär vorteilhaft war.
Dieses vorausgeschickt, dreht sich meine erste Fragestellung um zwei zentrale ökonomische Aspekte, die mich zur Zeit beschäftigen: der Wert und das Interesse.
Die Frage nach dem Wert stellt sich für mich weniger im Sinne der klassischen ökonomischen Wertlehre, sondern vor der Frage, welchen Dingen, wir wie einen Wert beimessen und wie Werte sozial konstruiert werden: Wenn uns Dinge WERTvoll sind, streben wir danach, sind wir bereit dafür einen Preis zu zahlen, sprich: Aufwände auf uns zu nehmen. Zudem wage ich die These, dass Wert (als relativer Wert im Sinne Kants, 1790) und Interesse (in der Begriffstradition von Adam Smith, 1776) in diesem Sinne konvergent sind. Dinge denen wir einen Wert beimessen, machen unser Interesse aus, und vice versa prägt unser Interesse unsere Werte. Die zentrale Frage die ich mir stelle ist die, ob Werte und Interesse als Entscheidungsprämissen unserer Gesellschaft "umprogrammierbar" sind, und wenn, dann wie.
Die daraus resultierende zweite praktische Fragestellung wäre für mich, welche Rolle gemeinsame beziehungsweise divergierende Wert- und Interessenskonstrukte bei kooperativem Handeln spielen. Inwieweit diese stabil sind, oder ob sie sich im Zeitverlauf (etwa wenn sich das gemeinsame Ziel relativiert) verändern.
Die dritte Fragestellung, wäre nun die Frage nach der Spannung zwischen Stabilität (bzw. Resilienz) und Veränderung als exogen induzierte Adaption bzw. "eigenkatalytische Veränderungen" (E. O. Wilson, 2013) und Governancestrukturen, die diese Spannung bewältigen.

Hanna Ermann
Die Triebfeder für ein gemeinschaftsorientiertes Unternehmen ist eine IDEE. (Im Fall Tagwerk: In der Region erzeugte Bioprodukte werden auf kurzem Weg in der Region vermarktet.) Die Marktteilnahme ist lediglich Mittel zur Umsetzung der Idee und dient nicht der privaten Gewinnerzielung.
Das Unternehmen setzt sich Ziele, entwickelt Standards, gibt sich eine Satzung. (Im Fall Tagwerk: Förderung der ökologischen Landwirtschaft und Vermarktung in der Region.) Im Idealfall werden die definierten Ziele von der Gruppe immer wieder eingefordert. Ein Einzelner (Unternehmer) kann Ziele viel leichter kippen. Im Gemeinschaftsunternehmen muss jede Abweichung begründet werden.
Dabei erzwingt der Markt zwar immer wieder Kompromisse. Verglichen mit der Entwicklung auf dem allgemeinen Biolebensmittelmarkt gelingt es der gemeinschaftsorientierten Tagwerk-Genossenschaft jedoch besser, an den Grundsätzen festzuhalten, die einer nachhaltigen Entwicklung dienen.

Dr. Burghard Flieger
Immer wenn wir große Probleme unserer Gesellschaft besser in den Griff bekommen wollen, wie bei der Energiewende, beim demographischen Wandel, bei der Integration von benachteiligten Gruppen und Minderheiten, geht es nur mit Beteiligung der Bürger und der Betroffenen. In der allgemeinen Aussage gehört dies mittlerweile zum Selbstverständnis der meisten politischen Statements. Auf der Umsetzungsebene steckt dies aber überwiegend noch in der Experimentier- oder gar Boykottierungsphase. Beteiligung der Bürger und der Betroffenen muss, wenn sie ernsthaft und wirkungsvoll sein soll, immer Mitsprachemöglichkeiten beinhalten, aber auch finanzielle Beteiligung im Sinne von Investitionsangeboten und damit Angeboten an den finanziellen Erträgen von Veränderungsprozessen zu partizipieren. Das bedeutet konsequent weitergedacht, in genossenschaftlichen Strukturen liegt das größte Beteiligungs- und damit Veränderungspotential. An der aktuellen Gründungswelle der Energiegenossenschaften, für die Bürgerbeteiligung die grundlegendste und bisher nachhaltigste sozialkulturelle Veränderung seit Bestehen der Bundesrepublik, lässt sich dies anschaulich aufzeigen. An der Entwicklung dieser Strukturen bin ich durch Qualifizierungsaktivitäten, Konzeptentwicklungen, Öffentlichkeitsarbeit, Beratungen und der Entwicklung von Unterstützungsstrukturen aktiv beteiligt (siehe auch www.energiegenossenschaften-gruenden.de).

Dr. Maja Göpel
Die Utopie der Marktgesellschaft beschreibt das Bild eines Systems in dem kontinuierliche Steigerung, Individualismus und Wettbewerb die grundlegende Grammatik liefern. Die Große Transformation in Richtung industriell-kapitalistische Demokratien wird von Karl Polanyi als von dieser Utopie angeleitet beschrieben. Für viele sind diese Werte damals auch nicht Hindernisse, sondern Befreiungsschlag von feudal-religiösen Strukturen gewesen, für die gekämpft wurde und oft heute noch wird. Eine kraftvolle Utopie für Transformationen heute braucht deshalb ebensolche positiven Vorstellungen davon wofür alternative Formen der Produktion, Konsum und Governance stehen. Hier können unter veränderten Umständen ganz ähnliche Motive wie damals wirken, nur zu anderen Lösungen hin: Versorgungssicherheit, Freiheit und Kreativität aus inzwischen fundamentalistischen Überzeichnungen der Marktgesellschaften zu befreien und in neuen Entwicklungsformen auszuprobieren. Zentral für diese Emanzipation ist eine konsequente Hinterfragung von dominantem Alltagsverstand und wissenschaftlichem Kanon hinter heute "normalen" Lösungen, da diese in unseren Institutionen als sozio-kulturelle Pfadabhängigkeiten und legitimierende Rückkopplungsschleifen selbststabilisierend wirken. Ob und welche alternativen Lösungen dann die erwünschten Ergebnisse mit sich bringen, werden wir in der Zukunft herausfinden; heute fühlt es sich nach der richtigen Form zu handeln und zu experimentieren an.

Dr. Tobias Hartkemeyer
Um die praktische Verantwortung für unsere Erde und unser Klima entwickeln zu können, brauchen wir Lebenslernorte in denen Schule und Landwirtschaft neu erfunden werden, in denen das Lernen in Gemeinschaft mit Pflanze, Tier und Boden praktisch wird und wo die Erziehung mit der Selbsterziehung beginnt. Gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft bietet die ideale Grundlage für einen solchen Lebenslernort an dem sich eine ökologische Inklusion entwickeln kann und wo die gegenseitige Wertschätzung in der Arbeit und die daraus entstehende Achtung der Erzeugnisse erlebt werden kann. Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die an solchen gemeinschaftlich geschaffenen Handlungsräumen teilhaben, können durch das direkte praktische Erleben oder die eigene körperliche Anstrengungserfahrung diese Wertschätzung in sich, selbst erzeugen, anstatt sie durch belehrende und redende Pädagogik vermittelt zu bekommen. Ein entscheidender Faktor der Tätigkeitsumgebung ist dabei die Feedbackorientierung, bei der ich die Folgen meiner Anstrengung oder meiner ökonomischen Tätigkeiten im Zusammenhang meines Ernährungsverhaltens selbst zu spüren bekomme. Vernetztes, urteilssicheres und imaginatives Denken, sowie Achtsamkeit für ein soziales Miteinander, muss man nicht extra üben, wenn man im gemeinschaftsgetragenen Landbau aufwächst und lernt und lebt, denn sie sind fortwährend gefordert. Landwirtschaftliches Tun in generationsübergreifender Gemeinschaft erfordert Weitsicht, die persönliche und verantwortliche Begleitung von Ursachen- Wirkungszusammenhängen. Diese Orte bilden Erziehungsraume für indirekte Erziehung, eine „vollständige Umgebung“ i.S. der „pädagogischen Provinz“ Goethes. Bauernhöfe stellen das umfassendste Potenzial solcher Orte dar. Diese Lernorte entstehen heute im Rahmen der Gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaft, in ihrem Land- und Gartenbau, den daran mitwirkenden Handwerken und Künsten sowie der Hauswirtschaft. Er gibt Beispiele die Mut machen, die zeigen was möglich ist, dass es funktioniert und die dadurch andere begeistern, gemeinsam einen verantwortungsvollen und erfüllten Umgang mit der Erde zu leben.

Hans Jürgen Heinecke
Zwei Aspekte sind für mich im Zusammenhang mit der Renaissance gemeinwirtschaftlicher Konzepte besonders interessant.
Erstens: Wie kann sich eine Wirtschaft, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt, in einem ansonsten wettbewerbsorientierten Umfeld vor allen Dingen in der Startphase behaupten und durchsetzen? Welche Erfolgsbedingungen gibt es und welche Prozesse sind erforderlich, damit diese Bedingungen wirksam werden können? Hierzu meine These: Wer glaubt, dass sich das Gute, die überlegenen Werte, automatisch gegen das Böse (Rivalität, Profitabilität und die damit assoziierte Gier) durchsetzt begibt sich auf einen gefährlichen Holzweg. Auch am Gemeinwohl orientierte Wirtschaftsorganisationen müssen ihre Überlebensfähigkeit selbst sicherstellen. Die Nützlichkeit für die Gemeinschaft rückt dabei in den Mittelpunkt. Sie kann nur durch einen partizipativen Unternehmensentwicklungsprozess bestimmt werden. (Thorsrud und die Norwegische Bewegung der Arbeitsdemokratie Grüßen aus den tiefen 80-ern.)
Zweitens: Wie kann man gemeinschaftlich wirtschaften und welche Differenz soll dabei zum klassischen Wirtschaften erzeugt werden? Was ist der relevante Unterschied vor allen Dingen bezüglich der Organisations-, Führungs- und Steuerungskonzepte? Meine These: Es fehlen professionelle Konzepte für die Führung gemeinwirtschaftlicher Unternehmungen, die auch einen nachhaltigen Unterschied erzeugen. Gelingt dies nicht, so bleibt die Renaissance der Gemeinwirtschaft eine Lebensabschnittsillusion, die unter dem Stichwort "Selbstverwaltung" bereits mehrfach meinen Berufsweg gekreuzt hat.

Silke Helfrich
Gemeinschaften agieren nicht zwingend im Sinne der Nachhaltigkeit. Gemeinschaftsbasierte Wirtschafts- und Geschäftsmodelle greifen demnach zu kurz. Ebenso Wertedebatten. Nachhaltigkeit setzt vitale Beziehungen voraus, in denen einerseits nachhaltige Praktiken eingeübt und andererseits (Nutzungs-)Konflikte bearbeitet und gelöst werden können. Erst dies bringt Gemeinschaftlichkeit und gemeinsame Werte überhaupt hervor; nicht „Gutmenschen“, der Staat oder unsichtbare Hände. Werte entstehen leise; in und durch die Praxis von Menschen mit gemeinsamen Bezugspunkten. In Beziehung kann auch der vermeintliche Dualismus Ich gegen die Anderen fühlbar aufgelöst werden. Daher sind radikale Experimente wichtig, deren Kern nicht das „andere Wirtschaftsmodell“ oder die andere Eigentumsform ist, sondern die Ermöglichung resilienter Sozialstrukturen. Radikale Experimente brauchen: Planungsoffenheit (trial and error) bei gleichzeitiger Dokumentationspflicht (Stigmergie) sowie Freies Wissen. Und wir brauchen polyzentrale Entscheidungsräume, Infrastrukturen und Prozessdesigns, die diese Experimente fördern.

Christian Hiß
Zitat aus: Die Regionalwert AG – Das Handbuch

Die Regionalwert AG Bürgeraktiengesellschaft ist mehr als ein gewöhnliches Wirtschaftsunternehmen, sie ist gleichzeitig eine gesellschaftliche Innovation. Ihr Geschäftszweck ist die organisierte Beteiligung von Bürgern einer Region an Betrieben der ökologischen Land- und Ernährungswirtschaft in der Region. … Die Regionalwert AG ist ein Angebot für diejenigen, die aktiv werden und Verantwortung übernehmen wollen für ihre Region in der sie leben und für ihr tägliches Essen, sei es als Unternehmer oder als Aktionär. Was im Laufe der vergangenen Jahrzehnte unter der Doktrin der freien Marktwirtschaft verloren ging, soll wieder entstehen. An die Stelle der unsichtbaren Hand des Marktes, bzw. des anonymen Marktes sollen verantwortliche Partnerschaften treten. Durch die Nähe und Überschaubarkeit zu den wirtschaftlichen Prozessen wird die ökologische und soziale Vernunft auf Augenhöhe mit der Ökonomie gesetzt. …

Prof. Dr. Cordula Kropp
Bislang klafft eine Immense Lücke zwischen den Herausforderungen, mit denen uns der globale Umwelt- und Klimawandel konfrontiert, und den entwickelten Problemlösungsansätzen. Auf internationaler Ebene steckt die Klimapolitik fest, auch national wurden nur geringe Erfolge erzielt, die wissenschaftlich-technischen Errungenschaften werden von Rebound-Effekten aufgefressen und in den Köpfen herrscht allenthalten ein Weiter-so. Dass Klimamaßnahmen jeder Wachstums- und Beschäftigungshoffnung geopfert werden, bezeichnet Roger Pielke (2010) als ehernes Gesetz. Demgegenüber interessiere ich mich für alle Möglichkeiten, die Fortsetzung der überkommenen Logik zu überwinden: Wie und warum entstehen Nachhaltigkeitslösungen, die gemeinwohlorientiert weniger Ressourcen verbrauchen, und mit welchen Mitteln werden Transformationsprozesse auf den Weg gebracht, die der Komplexität sozialer Lebenswelten gerecht werden (Soziale Innovationen)? Wann gehören solidarische Wirtschaftsformen dazu?

Dr. Christian Lautermann
Unsere übermäßig spezialisierte, marktförmige und kompetitive Wirtschaftsweise zerstört menschliche Gemeinschaften und natürliche Ressourcen. Ökologischer Raubbau und andere Formen der (nicht-nachhaltigen) Ausbeutung fallen besonders leicht infolge von Entfremdung, Distanz und Ignoranz in global verflochtenen undurchsichtigen „Wertschöpfungsketten“. Subsistenzorientierte lokale Wirtschaftsgemeinschaften, bei denen Produktion und Konsum zusammenfallen, stellen dazu insofern ein Gegenprogramm dar, als sie Nähe, Transparenz und Vertrautheit herstellen. Aber nicht nur lokale Subsistenzgemeinschaften (aktuell: Urban Gardening), sondern auch globale arbeitsteilige Wertschöpfungsnetze können nachhaltig wirtschaften (aktuell: Fairphone). Die Voraussetzung dafür ist, dass die wirtschaftende Gemeinschaft über eine bewusste Gestaltungsmacht möglichst aller Schritte (Produktion – Distribution – Konsum – Entsorgung) im Sinne der Nachhaltigkeit verfügt. Nur durch umfassend inkludierende Verantwortungsgemeinschaften können die unerwünschten Nebeneffekte des Konsumismus (Reboundeffekte und Verantwortungsabschiebung) vermieden werden.

Prof. Dr. Marco Lehmann-Waffenschmidt
Gemeinschaftsorientierte Wirtschaftsformen wie genossenschaftliche Unternehmen – z. B. Banken, Lebensmittelketten oder Erzeugergenossenschaften - , Einkaufsgenossenschaften, Energiegenossenschaften usw. erweisen sich als erfolgreiche Akteure im marktwirtschaftlichen System. Sie sind damit nachhaltig im Sinne ihrer Überlebensfähigkeit. Offenbar sind für einen nachhaltigen Erfolg gemeinschaftsorientierter Wirtschaftsformen nicht (kontrafaktische) Gutmenschen erforderlich, sondern lediglich ganz normale Wirtschaftsakteure. Der interne und der externe Erfolg einer gemeinschaftsorientierten Wirtschaftseinheit – das interne Funktionieren und das sich Behaupten in einer Konkurrenz- bzw. Marktwirtschaft – werden also durch die Art ihrer Konstruktion bewirkt. Dabei spielt das gemeinschaftsbezogene Grundprinzip, die Bedürfnisse der an der gemeinschaftsorientierten Wirtschaftseinheit teilnehmenden Akteure mit den Bedürfnissen der nicht Beteiligten in Einklang zu bringen, die tragende Rolle. Aber nicht nur durch den Überlebenserfolg sind gemeinschaftsorientierte Wirtschaftsformen als nachhaltig charakterisiert. Wie die zahlreichen Beispiele nachhaltigkeitsorientierter gemeinschaftsorientierter Wirtschaftsformen zeigen, ist vor allem auch der ökologische Nachhaltigkeitsgedanke passfähig zum gemeinschaftsorientierten Wirtschaften und wird von ihm nach vorne getragen.

Uwe Lübbermann
Wenn der Teil der heutigen und zukünftigen Weltbevölkerung, der noch keinen westlichen Lebensstandard hat, diesen auch will, wird die ohnehin schon zu starke Schädigung unseres Lebensraumes Erde vervielfacht.
Es wird deshalb nicht reichen, nur eine effizientere Mainstream-Nachhaltigkeit zu verfolgen; vielmehr brauchen wir eine Entwicklung zu dieser, und weiter zu einer Gemeinwohl-Ökonomie, und noch weiter zu einer Postwachstums-Gesellschaft, in der Ressourcen-Verschwendung peinlich ist. Dafür wiederum brauchen wir ein Zusammenwirken der Beteiligtengruppen der Konsumenten, der Unternehmer, der Investoren, und der Politiker. Und dafür brauchen wir, neben einer Reihe Paradigmenwechsel auf dem Weg, neue Organisations- sowie Führungs-Formen, die durchlässiger und konsens-orientierter sowie letztlich effizienter arbeiten, und die sich dadurch in bestehenden Systemen etablieren, um sie von innen heraus zum Positiven zu verbiegen.
Die gute Nachricht: wir können anfangen.

Dr. Peter Moser
Für eine erfolgreiche Energiewende in Deutschland sind eine umfassende Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern und eine Transformation des Energiesystems von zentralen auf dezentrale Strukturen notwendig. Ziel ist (auch als Vorbild für andere Länder und für die zukünftigen Generationen) ein klimaneutrales System bis zum Jahr 2050 zu implizieren, dass auf 100% erneuerbare Energien, umfassenden Effizienzsteigerungen und Energieeinsparstrategien beruht. Wichtige Schlüsselakteure in diesem Prozess sind Regionen und Kommunen mit den sich engagierenden Menschen vor Ort. Dabei ist insbesondere die Rolle von Energiegenossenschaften hervorzuheben. Sie bündeln ökonomisch und nicht-ökonomisch motivierte Gestalter der Energiewende und übernehmen eine immer größere Verantwortung bei der Dezentralisierung von Erzeugungs- und Versorgungsstrukturen. Obwohl Energiegenossenschaften auch ethische Werte (Solidarität, Gemeinwohl, Verantwortung) verkörpern, wird insbesondere die Regionale Wertschöpfung in den Mittelpunkt des Handlungsspektrums gestellt, in dem sich jeder einzelne Genosse durch ein verständliches Geschäftsmodell an der Energiewende finanziell beteiligt. Folglich stehen nicht Klimaschutz oder Daseinsvorsorge im Vordergrund, sondern auch Renditeerwartungen, die z.B. das EEG bietet. Große Anlagenobjekte lassen sich zudem nur in Kooperation mit Projektierern, Banken und Regionalversorgern umsetzen, wobei die Genossenschaften dafür sorgen, dass Bürgerbeteiligung, Akzeptanz und örtliches Kapital mobilisiert werden. Ob daher sinnvolle Fragestellungen zum Konsumverhalten oder zu alternativen Lebensstilen, die für eine regionale Energiewende auch notwendig sind, in Genossenschaften thematisiert werden, ist ungewiss. Mögliche Zukunftsentwürfe (Szenarien), die auch die Rolle von Genossenschaften umfassen, erscheinen sinnvoll. Dieses kann neben der Verbildlichung von Zielen und Strategien auch zur Positionierung von Genossenschaften in der zukünftigen Energieversorgung dienen.

Dr. Christa Müller
Neuere Nachhaltigkeitspraxen zeichnen sich durch einen auffallenden Fokus auf Vergemeinschaftung und Kooperation aus. Man unterstützt sich gegenseitig, man teilt und tauscht Wissen, schafft Zugang für alle, baut Projekte, Genossenschaften und Unternehmen auf. Viele Initiativen, egal ob im öffentlichen oder im privatwirtschaftlichen Kontext, entstehen erst dadurch, dass viele Hände anpacken und viele Köpfe mitdenken. Die Lust an kollektiven Kuratierungen und Adressierungen von größeren „Crowds“ zur Optimierung der Produkte triggert allerorten experimentelle Zugänge und unkonventionelle Lösungen. Sie lassen sich als Antworten auf multiple Krisen verstehen, die der von vielen Akteuren kollektiv getragenen Praxis großes kreatives, aber auch kraftspendendes Potenzial zuschreibt. Es könnten erste Hinweise auf einen kulturellen Wandel sein.

Prof. Dr. Reinhard Pfriem
Zukunftsfähiges Unternehmertum bedeutet eine Abkehr gegenüber der Zuspitzung von Individualismus und Konkurrenzgesellschaft. Bei Anerkennung aller Unterschiede und verschiedener Auffassungen darüber, was gut und richtig ist, braucht es weniger abgehobene Werte als praktisches Arbeiten an einem neuen gemeinschaftlichen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Innerhalb der Unternehmen, in Netzwerken mit anderen Unternehmen und in der Kooperation des Unternehmens mit anderen Akteuren angefangen von seinen wichtigsten Stakeholdern sind die Möglichkeiten der Zusammenarbeit als wichtigster Quelle für wirklichen Unternehmenserfolg neu zu entfalten. Dazu gehören unbedingt auch neue, gemeinschaftsorientiertere Organisations- und Rechtsformen des Unternehmens bzw. von Unternehmensgründungen.

Felix Rauschmeyer
Gemeinschaftsorientierte Formen des Wirtschaftens unterscheiden sich von selbstorientierten Formen, dass Gemeinschaften im Fokus sind: zuallererst die Gemeinschaft der Produzierenden, dann diejenige der Konsumenten (so beide unterschiedlich sind), aber auch die Gemeinschaften der von Produktion und Konsum Betroffenen. Bei gemeinschaftsorientierten Formen des Wirtschaftens steht idealiter Synergie im Vordergrund: aus einzelnen Meinungen entstehen gemeinsam getragene Entscheidungen; Interessen und Bedürfnisse Einzelner werden so berücksichtigt, dass die Gemeinschaften einschließender werden statt ausschließender. Für nachhaltige Entwicklung sind gerade die Auswirkungen des Wirtschaftens auf die Armen dieser Welt und die zukünftigen Generationen wichtig. Das Eintrainieren von Empathie im Kreis der direkt gemeinsam Wirtschaftenden kann eine Stufe für das Herausbilden von Empathie für diese sehr entfernten Menschen sein –und somit nachhaltige Entwicklung fördern. Doch das passiert nicht notwendigerweise von selbst, sondern bedarf der immer wieder neuen Erinnerung und Unterstützung. Diese Rolle können bspw. halbexterne „Nachhaltigkeitsbeauftragte“ haben, die sich die Gemeinschaftsprojekte selbst wählen, um so das Risiko der Reaktanz auf wahrgenommene moralische Bevormundung zu verringern.

Dr. Andre Reichel
Nachhaltiges Wirtschaften benötigt nachhaltiges Unternehmertum. Hierbei geht es aber nicht nur um die Schaffung neuer Produkte, die neuartige Kombinationen von Produktionsfaktoren und neue institutionelle Arrangements, welche mit Gewinnerzielungsabsicht am Markt durchgesetzt werden. Nachhaltiges Unternehmertum überschreitet vielmehr die Grenzen der Wirtschaft und ist in allen Teilen der Gesellschaft zu Hause. Zivilgesellschaftliche Initiativen, die Bürgerenergiegenossenschaften gründen, Bürgerbusse fahren lassen oder Tauschringe einrichten gehören ebenso dazu, wie Sozialunternehmen oder von Künstlerkollektiven betriebene kulturelle und soziale Einrichtungen. Selbstverständlich wird auch nachhaltiges Unternehmertum ökonomischen Minimalanforderungen genügen müssen. Allerdings wird der Schwerpunkt auf Lösungen für Nachhaltigkeitsprobleme liegen, die durchaus auch von "klassischen" Unternehmerinnen und Unternehmer verfolgt werden können. Die ökonomische Rationalität dient dabei als Hilfsmittel, um aus ökologischen und gesellschaftlichen Problemlagen "Business Cases" zu machen. Dabei sind es in erster Linie kleine und mittlere Unternehmen, Selbstständige und vielfältige sozialen und ökologischen Initativen, die eine nachhaltige Wirtschaft "von unten" erschaffen. Nachhaltige Wirtschaftspolitik bedeutet dann die Ermöglichung solcher Initiativen, den Abbau bürokratischer Hemmnisse und die Unterstützung von Kooperationen und Netzwerken zwischen Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Dies ist die notwendige Ergänzung einer allzu zentralistischen, auf den Staat und große Wirtschaftsakteure fixierten Sichtweise einer "großen Transformation" wie sie zum Beispiel bei der Energiewende vorherrscht. Ohne die "Handvoll Narren" (George Bernard Shaw), die mutigen Unternehmerinnen und Unternehmer, wird der Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft und nachhaltigem Wirtschaften nicht funktionieren.

Moritz Remig
Die Transformationen zu nachhaltigen Lebensstilen können nur gelingen, wenn neben technischen auch soziale Innovationen erfolgen. Aus Sicht der Ökonomik bietet die Neoklassik hierfür nur begrenzt Lösungen an. Die ökologische Ökonomik jedoch schlägt eine systemische Betrachtung von komplexen, dynamischen und adaptiven Systemen vor. Auch das Bild der Individuen wird erweitert, von Utilitaritäts-Maximierung zu komplexeren Handlungsmustern. Die gesellschaftlichen Transformationen werden nicht nach klar planbaren und modellierbaren Etappen erfolgen. Sie sind ein Entwicklungsprozess innerhalb eines Korridors von möglichen Pfaden nachhaltiger Entwicklung. Diesen Korridor gilt es zu definieren. Transition management und die Unterstützung von Nischen, von gemeinschaftsorientierten Formen des Wirtschaftens, sind ein möglicher Ansatz für erfolgreiche Transformationsdynamiken. Gerade durch ihre Offenheit gegenüber Transdisziplinarität und der Partizipation von BürgerInnen erlaubt es die ökologische Ökonomik, gemeinschaftsorientierte Formen des Wirtschaftens zu befördern.

Norbert Rost
Gemeinschaftsorientierte Wirtschaftsformen können Nachhaltigkeits-Inseln in einer nichtnachhaltigen Welt schaffen und damit Wirtschaften von unten "neu erfinden". Sie bündeln die geringe Macht kleiner Menschen zu machtvollen Ansätzen. Die Bausteine sind schon da: Regiogeld als Verrechnungssystem, Energiegenossenschaften als EE-Lieferanten, CarSharing als Mobilitätsplattform, Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaften für Essen und Alltagswaren, Wohnungsgenossenschaften, Gemeinschaftsgärten, Repair-Cafés, Open Source Soft- und Hardware - alles anfassbare und mitgestaltbare Elemente, die jedem offen stehen. Neue, post-fossile Wirtschaftsregeln werden diesen Kooperationsformen Vorteile gegenüber Konkurrenzkonzepten liefern und damit: "Marktanteile". Aus Inseln wachsen neue Kontinente, wenn wir sie klug miteinander verbinden.

Prof. Dr. Wolfgang Sachs
Carsharing, Bürgergenossenschaften, Nachbarschaftshilfe, peer-to-peer production, Regionalgeld sind für die Nachhaltigkeit überaus notwendig, weil sie mit wenig Geld eine vergleichsweise größerer Nutzen hervorbringen – vom Spaß ganz zu schweigen. Daher kann eine relationale Wirtschaft die Wachstumszwänge der rationalen Wirtschaft abmildern. Die Devise lautet Kooperation und nicht Konkurrenz, und das ist gut so.
Doch hat die Kooperation bekanntlich Schattenseiten, und das sind Kumpanei, Risikoscheu, Vermeidung von Neugier. Gemeinschaftsorientierte Wirtschaftsformen müssen auf die 200jährigen Geschichte von Konkurrenz und Kooperation zurückblicken, auf die wiederholten Wellen des Kooperatismus gegen den anbrandenden Wirtschaftsliberalimus, von Owen über die katholische Soziallehre bis hin zur Lebensreformbewegung und die Studentenrevolte. Das ist kein ermutigendes Bild. Wie viel Konkurrenz tut der Kooperation gut? Gibt es Konzepte eines behutsamen Wettbewerbs, der das rechte Maß kennt? Einen kooperativen Wettbewerb?

Otto Smrekar
Wie die Evolution ist auch die Aufklärung noch nicht zu Ende. Die Menschen der weiterhin entwicklungsfähigen Spezies Homo sapiens multiplex werden also hoffentlich beizeiten erkennen, dass der Tunnelblick – damit gemeint ist die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, über den Tellerrand hinaus zu schauen – ihrer heute maßgebenden Abart Homo oeconomicus in eine Sackgasse (dead end) führt. Auswege und Horizonterweiterung versprechen Forschung und Bildung für die Transformation zu einer nachhaltigen klimaverträglichen Gesellschaft (WBGU Factsheets 4/2011 und 5/2012). Dieses große Vorhaben versteht sich als ein offener Suchprozess.

Verantwortungsbewusste Führung anhand von sinnstiftendem Orientierungswissen und Fair-Profit Governance, das bedeutet schon weit mehr für die unternehmerische Praxis als alter Wein in neuen Schläuchen. Aber genügt das auf Frist? Um sozusagen auf die Tube zu drücken und dabei mit dem gleichen Tun vorsätzlich “… Altruismus und Egoismus gleichzeitig leben, ich halte es für optimal, Projekte zu finden, die beide Komponenten integriert haben” (Reinhard Wiesemann). Was lehrt uns etwa das in die Praxis umgesetzte Muster der Mondragón Corporatión Cooperativa (MCC)?

Will die Menschheit ihre Zukunft durch Koevolution meistern, müssen wir Heutigen je eher, desto besser emotionale Kompetenz und soziale Intelligenz üben, zum Beispiel in der ARC-Schule zur Kunst des nachhaltigen Wandels – sie ist notabene eine rezente Frucht der Spiekerooger Gespräche 2011.

Prof. Dr. Martina Schäfer
Gemeinschaftsorientierte Wirtschaftsformen – im Sinne der gemeinschaftlichen Befriedigung von Bedürfnissen – sind für eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit elementar, da sie „im Kleinen“ Lernprozesse befördern, die für den notwendigen weitgehenden Wandel unserer Lebens- und Wirtschaftsstile notwendig sind. Dass sich Initiativen wie Energiegenossenschaften, Tauschportale, Solidarische Landwirtschaft, Teilläden, Baugruppen, Urban Gardening etc. in den letzten Jahren stark verbreiten, belegt ein Bedürfnis nach derartigen Formen des Lebens und Wirtschaftens. Der Wert für die „große Transformation“ liegt dabei darin, dass in diesen Formen festgefügte Rollenverständnisse, wie z.B. der als Produzent oder Konsument, aufgehoben und damit neue Verantwortlichkeiten übernommen werden. Bedürfnisbefriedigung wird nicht „den Unternehmen“ oder „der Industrie“ überlassen sondern selber in die Hand genommen – mit allen Herausforderungen und Aushandlungsprozessen, die damit verbunden sind. Da neben den individuellen Barrieren (z.B. Besitz- und Statusdenken) auch der gesamte institutionelle Rahmen derzeit nicht auf solche Wirtschaftsformen ausgerichtet ist, sind für eine Verbreitung Lern- und Anpassungsprozesse auf ganz verschiedenen Ebenen notwendig.

Prof. Dr. Reinhard Schulz
Konkurrenz und Kompetenz
Die Wettbewerbsfähigkeit scheint für den globalisierten Kapitalismus das Maß aller Dinge zu sein, die einen forcierten Leistungsanspruch in nahezu allen Lebensbereichen zur Folge hat. Wer sich in der Konkurrenz mit anderen behaupten wolle, müsse daher auf vielfältige Kompetenzen zurückgreifen können, die mittlerweile zum erklärten Ziel unserer Bildungsinstitutionen geworden sind.
Eine solche Konstellation macht es notwendig, über das Verhältnis von Konkurrenz und Kompetenz philosophisch nachzudenken. Besteht zwischen diesen beiden Begriffen eine kausale Beziehung oder kann Kompetenzentwicklung auch neue Konkurrenzen zur Folge haben? Handelt es sich bei der Konkurrenz im Hinblick auf vielfältige Anleihen in der Tier- und Pflanzenwelt um eine natürliche Tatsache oder eher die Folge einer bestimmten kapitalistischen Produktionsweise? Kann sich der Kompetenzbegriff etwa im Vergleich mit dem Bildungs-, Emanzipations- oder Aufklärungsbegriff bewähren oder soll er diese Begriffe auf eine fragwürdige Weise „überwinden“ helfen? Besitzen Begriffe wie Konkurrenz und Kompetenz überhaupt genügend historische Trennschärfe, um die moderne Gesellschaft angemessen beschreiben zu können oder besteht nicht vielmehr die Gefahr, dass vor allem der Glaube an die Kompetenz der anderen Konkurrenzgefühle der negativen Sorte in uns wachrufen soll?

Kenneth Stange
Community supported agriculture (CSA) ist eine Form der Bewirtschaftung eines landwirtschaftlichen Betriebes, in der sich die Landwirte als Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte mit Verbrauchern eben dieser die Verantwortung für den landwirtschaftlichen Betrieb gemeinschaftlich teilen. Diese Form der Bewirtschaftung durch eine größere, dem Hofumfeld entstammende Gemeinschaft findet auf wirtschaftlicher, aber insbesondere auch auf einer sozialen Ebene statt. Im Wirtschaftlichen finanzieren die Verbraucher durch monatliche Beiträge die Kosten der Landwirtschaft. Im Gegenzug erhalten sie die hergestellten Lebensmittel, je nach Hofstruktur und Saison. Auf einer sozialen Ebene finden vielfältige gemeinschaftsbildende Prozesse in einer CSA statt. Durch Einbindung der Fähigkeiten der Verbraucher in verschiedene Bereiche des Betriebes, wie z.B. Organisation, praktische Hofarbeit (Ernte, Unkrautjäten, bauliche Arbeiten usw.) oder Öffentlichkeitsarbeit etc., verbinden sich die Verbraucher immer tiefer mit dem jeweiligen landwirtschaftlichen Organismus und bekommen ein klareres Bild von den Zusammenhängen bei der Finanzierung des Betriebes, der Lebensmittelproduktion, und deren Verteilung an die Mitglieder.
Insofern ist ein CSA Hof ein sehr zeitgemäßes und aktuelles Übungsfeld für eine gemeinsame und transparente Nutzung einer landwirtschaftlichen Ressource. Wenn die Anzahl der Verbraucher auf die Größe des Betriebes abgestimmt ist, entfällt für diesen Hof außerdem die Notwendigkeit zu weiterem Wachstum, er kann dann diese Anzahl Menschen versorgen und wird von jenen finanziell getragen.
Solche persönlichen und gesellschaftlichen Übungsfelder als "Inseln" mit neuartigen Wirtschaftsmodellen sind in unserer Zeit sehr bedeutend, und zwar als Impulsgeber für die Weiterentwicklung individueller Menschen hin zu einer kooperationsgeprägten Gesellschaftsform.
Erkenntnisse, die aus einem partnerschaftlich und auf Augenhöhe der Beteiligten, oder auch aus sog. "brüderlichem Wirtschaften" im Menschen heranreifen, werden praxisnah beobachtet und erlebt. Die in einem derart organisierten landwirtschaftlichen Geschehen entstehenden Einsichten und Erkenntnisse können sowohl bei Verbrauchern, als auch bei den Bauern neue Wahrnehmungs- und Lebensrealitäten entstehen lassen, die sich potentiell im jeweiligen Alltag fortsetzen.
Aufgrund der langjährigen Erfahrungen der biologisch- dynamischen Landwirtschaft mit gemeinwirtschaftlich orientierten Wirtschaftsmodellen liefern letztere wegen ihres Wissenspotentiales gleichfalls Ideen, die als Handlungsanleitungen, Beispiele oder Impulse für gegenwärtige Entscheidungen sowohl in landwirtschaftlichen Unternehmungen, aber auch in verschiedenen anderen Wirtschaftsbereichen dienen können.

Dr. Andreas Weber
Wir sollten den Begriff "Nachhaltigkeit" durch "Lebendigkeit" ("Enlivenment", Weber 2013) ersetzen

"Gut ist, wass einem Menschen mehr Wirklichkeit gibt, schlecht, was ihn weniger wirklich sein lässt."
Simone Weil

Das Konzept der Nachhaltigkeit verdeckt den Blick auf den eigentlichen Mangel unserer derzeitigen Sozio- und auch Sinnökonomie. Nachhaltigkeit suggeriert, dass es um einen besseren, schonenderen Einsatz von Ressourcen gehe. In Wahrheit aber ist die Idee von (abgetrennen) Ressourcen dort und handeldem Akteuren hier ein Denken in den (dualistischen)!Kategorien des Problems, nicht der Lösung. Die Wirklichkeit wird primär als behandelbare Materie oder Struktur gedacht, und damit als tot und nicht als belebt. Dieses problem wird erst dann lösbar, wenn wir erkennen, dass in lebendigen Beziehungen materielle Dimensionen nicht von Sinn getrennt sind, und (ökonomischer) Stoffaustausch nicht von Erfahrungen der Identität. Was Menschen suchen, ist in der Tat die Erfahrung lebendigen in-Verbindung-seins, nicht materieller Überfluss. Erst durch die Perspektive der Lebendigkeit erfassen wir das Wirkliche als Prozess von Beziehungen, in denen wir uns gegenseitig und selbst hervorbringen, verwandeln und erfassen. Während Nachhaltigkeit auf Empirie und wissenschaftliche Objektivität setzt, ermöglicht Lebendigkeit eine neue Praxis des Erkennens, "subjektive Empirie", die zu "poetischer Objektivität" führt - eine Erste-Person-Wissenschaft sinnvoller Beziehungen gegenseitigen Austauschs und gegenseitiger Transformation.
(In der ursprünglichen "forstwirtschaftlichen Fassung des Begriffes N. ist freilich vermutlich genau der hier vorgeschlagene Generative Charakter abgedeckt, im Sinne des "auch in Zukunft Leben Spendenden")

Patrick Wesp
Bisherige nationale Anstrengungen alleine reichen nicht hin um (globalen) sozialen und
ökologischen Problemen entgegenzuwirken. Dies ist sowohl der komplexen Verursachung, wie den
diffusen Auswirkungen der Phänomene (Klimaerwärmung, accumulation at the top...) geschuldet.
Die Ermöglichung und Ermächtigung subnationaler Verwaltungseinheiten und transnationaler
Zusammenarbeit sind Versuche, den vorherrschenden Dilemmata entgegenzuwirken. Ebenso die
Stärkung privater und gesellschaftlicher, sowie hybrider Formen der Governance.
These: Ohne die globale Harmonisierung der Märkte sind auch diese Governance-Formen den
üblichen Zwängen unterworfen. Governance zum Zweck nachhaltiger Produktion bedingt daher,
nach wie vor, staatliche politische Unterstützung: Sanfter Zwang zur Transparenz, systematischere
Koppelung von Subventionen und Steuern, Internalisierung durch, staatlich verordnete, hybride
Modelle (Gesellschaft, Unternehmen, Staat) der Umverteilung.