Spiekerooger Thesen 2016

Dr. Irene Antoni-Komar
Transformative Wirtschaftswissenschaft ist reflexive Veränderungswissenschaft. Doppelt rekursiv bestimmt analysiert sie einerseits hegemoniale Prozesse der Ökonomie mit ihren (re-)produzierenden Akteuren und Institutionen, um das Veränderungspotenzial für nachhaltige Entwicklung aufzudecken. Andererseits bewirkt sie in einem praktischen Sinn die Veränderung dieser Prozesse durch transdisziplinäre Projekte, in denen gesellschaftliche Akteure als forschende Co-Produzenten umgekehrt Wissenschaft verändern helfen. Kooperativ werden Forschungsfragen, Zielsetzungen und Untersuchungsrichtungen erarbeitet sowie in neuen Lebens- und Wirtschaftsweisen erprobt. Die Abflachung von Machtasymmetrien und die gegenseitige Legitimation von Wissenschaft und Praxis tragen zur Beschleunigung und Durchsetzung des unaufschiebbaren kulturellen Wandels bei. Dieser setzt die Suche nach Alternativen zum kapitalistischen Wachstumsmodell und den damit verbundenen Mechanismen des Marktes, der Kommodifizierung und der Fremdversorgung voraus. Transformative Wirtschaftswissenschaft eröffnet einen neuen Umgang mit Besitz und Eigentum, schafft Räume für Suffizienz und Teilhabe, stärkt Gemeinschaftlichkeit und Eigeninitiative und befähigt für Zukunftsverantwortung – auch in der wissenschaftlichen Praxis selbst.

Jonathan Barth
Den unter dem Label der „transformativen Wirtschaftswissenschaft“ gefassten Forderungen - Suffizienz, Gemeinwohlorientierung, Wachstumsrücknahme oder Solidarität - scheint gemein, dass sie eine Abkehr vom Wesen des Kapitalismus im- oder explizit fordern. Damit eine Transformation der Gesellschaft jedoch abseits eines „Green-New Deals“ gelingen kann, müssen die systemischen Lock-Ins oder funktionalen Zwänge des Kapitalismus wieder in den Fokus gerückt werden. Denn diese geben die Grenzen vor, in denen sich die Transformation bewegen kann. Es gilt daher ein besseres Verständnis für diese Zwänge zu erlangen. Nur so können die Lösungsvorschläge der transformativen Forschung im Hinblick auf die Erreichung ihrer Ziele differenziert bewertet und verbunden werden. Ein Anfang dafür wäre ein Revival der Makroökonomik, die auf den fünf Bedingungen der transformativen Wirtschaftswissenschaft fußt: Vielfalt, Reflexivität, Wertebezug, Transparenz und Partizipation. Denn erst dadurch würde eine gesamtwirtschaftliche Perspektive ermöglicht, die die systemischen Lock-ins enttarnen kann und dabei gleichzeitig anschlussfähig bleibt.

Prof. Dr. Frank Beckenbach
Die Zukunftsfähigkeit der Ökonomik kann beurteilt werden (i) entlang der Frage nach der Fähigkeit, die problematischen Entwicklungstrends moderner (ökonomisch gesehen: kapitalistisch organisierter) Gesellschaften angemessen beschreiben, analysieren und modellieren zu können, sowie (ii) entlang der Fähigkeit zur Reflexion möglicher Problemlösungswege. Als problematische Entwicklungstrends lassen sich nennen: ökologische Überlastung, ökonomische Instabilität und lebensweltliche Polarisierung bzw. Verelendung. Diese werden von der Standardökonomik – entlang ihrer selbstreferenziell-konstruktivistischen Seite - gar nicht (oder nur rudimentär) thematisiert bzw. – entlang ihrer fremdreferenziell-performativen Seite – sogar gefördert. Die Transformation der Ökonomik findet dann zum einen statt als Nischenforschung, die (mutmaßliche) Ausklinkversuche aus den praktischen Entwicklungstrends empirisch generalisiert und theoriefähig zu machen versucht (Beispiel „sozialökologische Forschung“). Zum andern findet sie statt als Kritik der Standardökonomik, die durch Überwindung sowohl ihrer modell-konstruktivistischen als auch ihrer praxis-performativen Seite (Beispiel: neuere Diskussion um „Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften“) erst einen Zugang zur (analytischen und modelltheoretischen) Behandlung der problematischen Entwicklungstrends schafft.

Dr. Lutz Becker
Eine Wissenschaft, die sich mit Menschen und ihren Institutionen befasst, muss notwendigerweise normativ sein; sie kann nicht anders. Ebenso sind digitale Artefakte (Algorithmen) immer normativ. Das vorausgeschickt beobachten wir derzeit die Entstehung einer Vielzahl von technologischen und gesellschaftlichen Optionen, die an verschiedensten Stellen entstehen und die im Digitalen zusammenlaufen, um damit umso komplexer, unaufhaltsamer und irreversibler zu werden. Das sind die Treiber einer neuen Großen Transformation (Karl Polanyi). Die neuen Möglichkeiten werden nicht passiv übernommen, sondern rekombiniert und hybridisiert, sowohl subversiv oder in einem kulturkonservativen Sinne reinterpretiert, als auch in neue Sinnzusammenhänge und institutionelle Arrangements übersetzt. Transformation bedeutet daher: Wechsel der großen Narrative, dominanter gesellschaftlicher Praktiken sowie – möglicherweise - der vorherrschenden Machtverhältnisse. Wissenschaft kann die Spielregeln dieser Transformation identifizieren, transparent machen, Gestaltungsansätze beschreiben und falsche Propheten entlarven.

Dr. Harald Bender
Beim Klimaschutz stehen sich Politik und Wirtschaft heute als Gegenspieler gegenüber: Wo im globalisierten System der Konkurrenzwirtschaft Wachstum an erster Stelle steht, versucht die Klimapolitik, systemfremde Kriterien der Reduktion einzubringen. Dies ist so lange zum Scheitern verurteilt, wie neue Rationalitätskriterien nicht auch im Binnensystem der Wirtschaft selbst etabliert werden und dort eigendynamisch ihre strukturierende Kraft entfalten. Eine Umstellung des Binnensystems bedeutet, die Kriterien wirtschaftlichen Erfolges neu zu definieren und in der Unternehmensverfassung sowie im Bilanzrecht zu verankern. Der Erfolg eines Unternehmens wird heute in rein monetären Größen gemessen, wie dem bilanzierten Gewinn, dem Umsatzwachstum und der Eigenkapitalrendite. Eine echte Transformation müsste Indikatoren ökonomischer, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit als bilanzierten Unternehmenserfolg ausweisen, der die Chancen des Kapitalzugangs fundiert. Dies ist mit dem Prinzip der privaten Kapitalrendite allerdings nicht vereinbar. Unser Vorschlag: Eine Umstellung der Unternehmensfinanzierung von privatem auf neue Formen öffentlichen Kapitals, einhergehend mit einer Reform des Bilanzrechts und der Unternehmensverfassung, um die Renditeorientierung als Wachstumstreiber abzulösen. Ein solcher Umbau wäre erst auf europäischer Ebene im Zuge einer partiellen Abkopplung aus dem globalen System der Renditekonkurrenz möglich. Erste Ansätze gibt es hierfür im europäischen Parlament, so z.B. das European Forum on Social and Solidarity Economy oder - bezüglich der Unternehmensbilanzierung - die Non Financial Reporting Initiative.

Dr. Regina Betz
Um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen braucht es transformative Akteure. In den Wirtschaftswissenschaften werden wichtige Eigenschaften von Akteuren ausgeblendet, die ihr Konsum-, Arbeits- und Freizeitverhalten wesentlich beeinflussen. Insbesondere geht es um religiöse Glaubensüberzeugungen, die in den Wirtschaftswissenschaften mehr beachtet werden sollten, da sie historisch bei vielen sozialen Transformationsprozessen (z.B. Anti-Apartheit Bewegung, Sturz der Berliner Mauer oder Abschaffung der Diskriminierung von Afroamerikanern) eine wichtige Rolle spielten. Auch auf den internationalen Klimakonferenzen hat in den letzten Jahren die Zahl der aktiv partizipierenden glaubensbasierten Nichtregierungsorganisationen stark zugenommen. Viele propagieren einen Wandel des sozialen Wertesystems als Lösung und fordern mehr Genügsamkeit, Spiritualität, die Bewahrung der Schöpfung und Klimagerechtigkeit. Es ist zu diskutieren, inwiefern ökonomische Experimente und empirische Untersuchungen hilfreich sein können, um ein besseres Verständnis über den Einfluss von Glaubensüberzeugungen auf nachhaltiges Verhalten von Wirtschaftsakteuren zu gewinnen.

Dr. Johannes Blome-Drees
Genossenschaften beziehen ihre Kraft aus der Lokalität und unmittelbaren Erfahrbarkeit. Sie sind kleine Antworten auf große Fragen. Genossenschaften sind lokale Keimzellen, mit denen ökonomischen, sozialen und ökologischen Krisen, die ihre Ursachen häufig in großräumigen oder gar globalen Entwicklungen und Zusammenhängen haben, begegnet werden kann. Als intermediäre Organisationen haben Genossenschaften erhebliches transformatives Potenzial. Sie sind prädestiniert, sich mit der kollektiven Bewältigung von Unsicherheiten in neue Bereiche mit neuen Fragestellungen zu bewegen, statt in ausgetretenen Pfaden zu verharren. Vor diesem Hintergrund hat eine transformative Genossenschaftswissenschaft eine utopische Funktion: Sie hat die Aufgabe, mögliche Welten zu konstruieren, die existieren können, sobald veränderbare Bedingungen anders gestaltet sind. Ich bin der Auffassung, dass die Genossenschaftswissenschaft nicht nur die Aufgabe hat, durch neue, kontrafaktische Ideen und Konzeptionen Veränderungen anzuregen, sondern auch bei der Durchführung von Veränderungen zu helfen.

Prof. Dr. Klaus Eisenack
Eine moderne wirtschaftswissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung muss sich fragen, welche gegenwärtigen ökonomischen Probleme und Fragestellungen sich mit dem bisherigen theoretischen und methodischen Kanon der Volkswirtschaftslehre nicht beantworten lassen. Trotz eines umfangreichen ökonomischen Lehrbuchwissens seit über 40 Jahren schreiten wir auf den bekannten nicht-nachhaltigen Entwicklungspfaden fort. Man könnte dies als bloßes, wenn auch tragisches, Implementierungsproblem einordnen. Folgte man dieser Einordnung, würde man die wirtschaftswissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung als abgeschlossen oder gar gesellschaftlich bedeutungslos deklarieren. Angesichts der großen Herausforderungen wie Klimawandel, Verlust von Artenvielfalt und Übernutzung natürlicher Ressourcen, die zweifelsfrei ganz stark durch ökonomische Prozesse mitgeprägt sind, kann eine solche Einordnung jedoch nicht befriedigen. Zusätzlich zu Implementierungsproblemen scheinen hier auch Erkenntnisprobleme vorzuliegen.

Dr. Burghard Flieger
Für eine transformative Wirtschaftswissenschaft lassen sich aus etablierten wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen wichtige Anregungen gewinnen. Zu diesen gehören u.a. Ansätze, die sich mit eigenständigen genossenschaftsbetonten Konzepten auseinandersetzen. Schließlich gibt es wesentliche unterschiedliche Zielsetzungen zwischen gewinndominierten und genossenschaftlichen Unternehmensformen (nicht Rechtsformen!). Bei ersteren stehen Kapitalvermehrung und Renditeerwirtschaftung im Vordergrund. Genossenschaften verfolgen bedarfswirtschaftliche Aufgabenstellungen: Sie werden begleitet durch eine Nähe zum Mitglied/Kunden, die Identität von Trägern und Nutzern, das erforderliche Mitgliederbeziehungsmanagement, demokratische Binnenstrukturen und eine andere Art der Erfolgsmessung wie die Förderbilanz und die Erfüllung des Förderauftrags als zentralen Unternehmenszweck.

Prof. Dr. Silja Graupe
„Von Beginn an haben die modernen Wirtschaftswissenschaften gesellschaftliche Prozesse nicht nur beobachtet und beschrieben, sondern diese auch selbst katalysiert und beeinflusst.“ Als Grundvoraussetzung einer Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften sollten Formen, Möglichkeiten und Grenzen dieser Art der Beeinflussung erforscht werden – historisch, systematisch und empirisch. Welche Arten der (Wechsel)Beziehungen von Theorie und Praxis, Denken und Handeln sind im ökonomischen Mainstream grundgelegt? Welche Rolle spielen dabei mentale Bilder und Deutungsmuster? Was sind blinde Flecken? Erst eine solche kritische Reflexion auf der Ebene grundlegender Vorannahmen und Paradigmen (im Sinne T. S. Kuhns) ermöglicht einen kritischen Diskurs darüber, wie WissenschaftlerInnen tatsächlich transformativ tätig sein können. Geht es um die unbewusste Prägung mentaler Bilder? Oder um Befähigung zur produktiven Einbildungskraft? Solche Grundfragen entscheiden nicht nur über die Ausrichtung ökonomischer Forschung, sondern vor allem auch der Bildung – inhaltlich wie strukturell.

Prof. Dr. Gerd Grözinger
Auch wenn nicht ganz klar ist, ob dies in Zukunft in ähnlicher Höhe so weitergehen wird (Robert J Gordon, 2016), der westliche Kapitalismus führte zu einer jährlichen Erhöhung der Arbeitsstundenproduktivität von ca. 1,5 - 2%. Dies auch zukünftig in mehr Lohneinkommen umgesetzt, bedeutete selbst bei auch allen technischen Möglichkeiten der Emissionsmilderung eine nicht mehr verantwortbare Klimabelastung. Deshalb sollten weitere Produktivitätsgewinne jetzt in eine Arbeitszeitreduktion transferiert werden. Auch wenn hier Rebound-Effekte auftreten können, bleibt ein Nettogewinn an Ressourceneinsparung (Johannes Buhl, 2016). Dazu kommen eine Reihe positiver Externalitäten, wie mehr Zeit für Beziehungen und Familien, Steigerungen im Ehrenamt, in der Lebenszufriedenheit. Wegen dieser Bedeutung könnte es sinnvoll sein, die Arbeitszeitverkürzung nicht mehr den Tarifparteien zu überlassen, sondern neue Institutionen mit dieser Aufgabe zu betreuen, z. B. eine Arbeitszeitagentur mit Interventionsrechten (Gerd Grözinger, 1998).

Dr. phil. Friederike Habermann
Wenn jemals eine wirtschaftswissenschaftliche Annahme widerlegt wurde, dann die, Gesellschaften vor dem Geld seien Tauschwirtschaften gewesen – so der Anthropologe David Graeber. Tatsächlich gibt es kein einziges Beispiel dafür; trotzdem wird dieser Mythos praktisch in jeder neuen Wirtschaftseinführung wiederholt. Dass auch heute ein Wirtschaften jenseits von Geld, Äquivalenzlogik und Zwangssystemen realistisch ist, zeigt der Ökonom und Zukunftsforscher Jeremy Rifkin mit seiner Null-Grenzkosten-Gesellschaft (2014) – verbunden mit der These, der Kapitalismus entwickele sich gerade von selbst in eine commonsbasierte und commonsschaffende Peerproduktion. Diese Vorhersage teilen Paul Mason (Postkapitalismus, 2015), Toni Negri/ Michael Hardt (Common Wealth) und andere. Mein eigener Beitrag (Ecommony, 2016) betont die zur Transformation notwendigen Prinzipien 'Besitz statt Eigentum' und 'Beitragen statt Tauschen'.

Hans Jürgen Heinecke
Im Change Management unterscheiden wir drei Typen von Veränderungsprozessen: inkrementale Optimierung, vorausschauende Selbsterneuerung und radikale Transformationen. Wenn es zu spät ist für die beiden ersten Optionen, dann wird Veränderung zwangsläufig radikal und schmerzhaft. Gilt dies auch für die Wirtschaftswissenschaften? Ist es zu spät für die ersten beiden Optionen? Ist eine Transformation erforderlich? In den SKG 8 werden wir Antworten auf diese Frage finden müssen.
„Transformative Wirtschaftswissenschaften“? Was ist gemeint: als wissenschaftliche Disziplin den Wandel unterstützen oder sich als „Zunft“ selbst transformieren? Ich hoffe beides. Eines haben mich Veränderungsprozess, die ich begleiten durfte, gelehrt: Wer glaubt von außen Veränderungen zu steuern oder anzuregen ohne sich radikal selbst zu ändern, der wird scheitern. Und was soll sich verändern? Die Erkenntnisse müssen eine wesentlich höhere Resonanz erhalten und eine stärkere Relevanz für gesellschaftliche Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse. Das wäre ein wirklich spannendes Change-Programm!

Dr. Katrin Hirte
Zu den 8. Spiekerooger Klimagesprächen heißt es eingangs: „In Anlehnung an das seinerzeitige Verdikt von Georg Picht über die Naturwissenschaften lässt sich sagen: Eine Wirtschaftswissenschaft, die mit ihrer performativen Rolle die Grundlagen der menschlichen Zukunft zerstört, kann nicht wahr sein.“ Die Problematik ist: Eine Wirtschaftswissenschaft, die die Grundlagen der menschlichen Zukunft zerstört, ist wahr und macht wahr! Sie formt eine Zukunft mit, welche statt Wohlfahrt nicht nur Ungleichheit, sondern Zerstörung und Elend für viele bringt. Was ist also eine „wahre“ Wissenschaft?
Der Platon-Kenner Georg Picht hat seine Wahrheitsauffassung an Verantwortung und Zeit gebunden: „Die Vernunft kann die Wahrheit, die für sie konstitutiv ist, nur erkennen, indem sie Zukunft antizipiert.“ Die Antizipation der Zukunft ist Chance und Dilemma jeder performativen Wissenschaft und zugleich ist letztlich jede Wissenschaft performativ, denn das Wörtchen „performativ“ steht in Anlehnung an Austin (nur) für das Selbstverständnis, dass jegliche Äußerung etwas bewirkt, also eine Folgewirkung hat, und sei es deren Ignorierung. Der Mensch kann damit der Formung seiner Zukunft durch seine Ansichten von heute nicht entrinnen. Transformation der Ökonomik bedeutet daher insbesondere, die eigene performative Rolle endlich zu erkennen und anzuerkennen, statt z.B. selbstregulierte Märkte zu propagieren.

Lars Hochmann
Die zu wendende Not der als anwendungsorientiert apostrophierten BWL lautet: Sie möchte die wirklichen Probleme der wirklichen Welt anpacken und kennt nur den verdinglichten Stern funktionalistischer Apriori. Wirklichkeit ist jedoch weder abstrakt noch formal, sondern vermutlich das Konkreteste, das man sich überhaupt nur vorstellen kann. Was also ist der praktische Sinn vom Gewinn? Zu einer Beantwortung dieser Frage werden wir erst dann im Stande sein, wenn wir das Ökonomische im Kontext des Wirklichen und Guten diskutieren. Damit stellt sich die Frage danach, wie BWL praktisch-konkrete Kritik an praktisch-konkreten Umständen üben kann. Die Not der BWL ist also methodologisch zu wenden:
Werturteil: Die Frage, ob etwas funktioniert, ist jenseits von Gut und Böse.
Genauigkeit: Vollzählig kann nur Zählbares sein, wirklich hingegen nur Wirkendes.
Zugang: Methodik folgt dem Gegenstand und ist kein Ausdruck von Fachlichkeit.
edlichkeitR: Natur, Kultur, Lebendigkeit und dergleichen gilt es als Natur, Kultur, Lebendigkeit und dergleichen begreifen zu lernen.
Geschichtlichkeit: Vordenken braucht Nachdenken in dem Maße, in dem Wirklichkeit nicht ist, sondern wird.
Ohne Frage: Vielfalt ist vor jede Einfalt zu stellen – aber Qualität unhintergehbar vor Quantität. Was also tun, damit die sich daraus ergebende Pluralität nicht in repressive Toleranz (Marcuse) umschlägt?

Thomas Korbun
Forderungen nach einer Wirtschaftsforschung, die die sozialen und ökologischen Kontexte gesellschaftlichen Handelns einbezieht, sind nicht neu. In Theorie und Forschungspraxis der vergangenen Jahrzehnte lassen sich zahlreiche Ansätze und Beispiele finden, die diese Forderung mindestens teilweise eingelöst haben. Diese lassen sich auch auf Veränderungen im öffentlichen Diskurs und im gesellschaftlichen Handeln zurückführen. Deren Reichweite bleibt angesichts des Notwendigen sehr begrenzt. In der Idee einer transformativen Wirtschaftsforschung spiegeln sich 1) die zunehmende Brisanz der großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel oder Armut, 2) die Frage wie die bestehenden Ansätze einer alternativen Wirtschaftsforschung weiter entwickelt werden können und 3) wie sie wirkmächtiger in Wissenschaft und Praxis werden können. Sinnvoll erscheint ein erweiterter, transdisziplinärer Zugang, der sich an die Ansätze und Erfahrungen der sozial-ökologischen Forschung anlehnen kann, und Formate des Experiments im Sinne von Such- und Umsetzungsprozessen einbezieht. Um die Wirkmacht zu erhöhen, müssten neue Formen der Vernetzung und Institutionalisierung erarbeitet werden, die der Zersplitterung in der Nische entgegenwirken.

Dr. Christian Lautermann
Wissenschaft ist immer transformativ. Wissenschaftliche Erkenntnisse - auch wenn sie mit einem noch so ausgeprägten Bemühen um Neutralität und Wertfreiheit erarbeitet wurden - verändern das menschliche Leben und die Gesellschaft. Eine transformative Wissenschaft ist sich dieser Tatsache nicht nur bewusst, sondern macht sie zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Untersuchungsgegenstand, Fragestellung, Forschungsmethode - all dies ist im Lichte möglicher gesellschaftlicher Veränderungseffekte zu bestimmen. Weil die globalen Problemlagen der Menschheit im 21. Jahrhundert Konsequenzen wissenschaftlich-technischen Fortschritts sind, ist Nachhaltigkeit als ethischer Reflexionshorizont nicht etwa Beiwerk, sondern Qualitätsmaßstab eines jeden wissenschaftlichen Versuchs. Dies gilt besonders für Wissenschaften, die sich mit Wirtschaften und Unternehmen beschäftigen. Denn diese transformieren gegenwärtig das Leben auf diesem Planeten im größten Ausmaß. Daher ist die Hauptaufgabe transformativer Wirtschaftswissenschaften, Kriterien dafür zu entwickeln, wie ökonomische Akteure, Praktiken und Ordnungen beschaffen sein müssen, damit ihre Wirkungen dauerhaft lebensdienlich sind. Ich möchte dies auf Spiekeroog speziell für das Feld Unternehmertum diskutieren.

Prof. Dr. Marco Lehmann-Waffenschmidt
Ökonomen sind entgegen ihrem häufig geäußerten Selbstverständnis nicht nur Betrachter ökonomischer Prozesse, sondern auch deren – absichtliche oder unabsichtliche - Konstrukteure. Seit Ende der 1990er Jahre analysiert das Forschungsprogramm der "Performativity of Economics" die Art und Weise, wie ökonomische Ideen in die Gesellschaft einwirken. Neben dieser positivistischen Forschungsperspektive appelliert die aktuelle Debatte über eine „Transformative Wissenschaft“ an das Bewusstsein des Wissenschaftsbetriebs, sich mit intendierten Theoriewirkungen zur Nachhaltigkeit in die Gesellschaft einzubringen. Während Transformative Wissenschaft also eine mehr oder weniger deterministische gesellschaftliche Konstruktionsmöglichkeit aus einer normativen Perspektive unterstellt, betont die Performativitätsliteratur den selbstorganisierten kontingenten und vielschichtigen Charakter historischer Theoriewirkungsprozesse. Empirische Beispiele wie das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, die Keynessche Theorie oder moderne Finanzmarktinstrumente wie z. B. die berühmt-berüchtigte Black-Scholes-Formel zur Optionsbewertung zeigen in der Regel beiderlei Arten von Theoriewirkungsprozessen. So erscheint es spannend, mit Blick nach vorne bei den 8. Spiekerooger Klimagesprächen darüber zu diskutieren, inwieweit und auf welche Weise wissenschaftliche Beiträge zum Gegenstandsbereich „Nachhaltigkeit“ performativ und/oder transformativ wirken (können).

Gesa Maschkowski
Wie sähen Unternehmen aus, unsere Schulen, die Gesellschaft, wenn sie auch unsere menschlichen Bedürfnisse nach Anerkennung, Kreativität, Muße, Freiheit, Sicherheit, Verstehen, Identität und Mitbestimmung erfüllen würden? Der chilenische Ökonom Manfred Max-Neef hat diese Bedürfnisse auf die gleiche Stufe gestellt wie den materiellen Grundbedarf. Dieser Denkansatz inspiriert und bereichert die ökonomische Diskussion in Transition Initiativen. Sie wird jedoch nur ein schönes Gedankenspiel bleiben, wenn es uns nicht gelingt, den Mythos vom ewigen Wachstum angemessen zu verabschieden, der immer noch fest in den Köpfen, Strukturen und Handlungen verankert ist. Wie können wir das Dogma zerstören, die Hoffnungen und Leistungen würdigen, wie die Irrtümer betrauern und begraben? Wie lassen sich die notwendigen Freiräume schaffen, um das Neue denken zu üben? Wann üben wir transformative Praktiken in Universitäten, Wirtschaftsunternehmen, Stadtverwaltungen, Initiativen und in Haushalten? Dies scheinen mir einige der dringlichsten Fragen für die große Transformation.

Prof. Dr. Georg Müller-Christ
Die sich häufenden Nebenwirkungen einer zunehmend ideell erschöpften Wirtschaftswissenschaft mögen voreilig zu einfachen Transformationstheorien führen: hier das alte, beladene naturferne und sozialverächtliche Erwerbsprinzip, dort die heile neue Welt in der Form scheinbar nebenwirkungsarmer und ressourcensensibler Wirtschaftskonzepte. Diese „weg von … hin zu“ Schablone ignoriert wesentliche Erkenntnisse einer transzendenten Entwicklungslogik, wie sie beispielsweise Spiral Dynamics anbietet. Wertvolle Prinzipien wie beispielsweise die Innovationskraft des Wettbewerbsprinzips werden transzendiert und angereichert, um auf einer höheren Stufe der Komplexitätsbewältigung sich dem Gegenpol des Gemeinwohls zu stellen. Auf dieser Stufe müssen die modernen Konzepte vor allem eines können: Dilemmata bewältigen. Voraussetzung für die Entwicklung solcher Konzepte ist eine deutlich gesteigerte Ambiguitätstoleranz von Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen.

Dr. Gisela Notz
Konzepte der alternativen Ökonomie sind keine neue Erfindung. Mindestens, solange die kapitalistische Wirtschaft besteht, gibt es Menschen, die andere Wünsche und Vorstellungen entwickelt haben. Eine Wirtschaftsordnung, die mit immer aggressiveren und damit gefährlichen Methoden Bodenschätze ausbeutet und die Mit- und Umwelt zugrunde richtet, verlangt nach praktischen und wissenschaftlich-theoretischen Alternativen. Selbstverwaltete Betriebe, Genossenschaften, Kommunen als Lebens- und Arbeitsgemeinschaften und solidarische Ökonomien können zwar die herrschende Wirtschaftsordnung nicht gänzlich in Frage stellen, sind aber „Fenster in eine andere Welt“. Sie wollen im Hier und Jetzt durch gelebte Utopien Beispiele schaffen. Daraus könnte eine soziale und politische Bewegung entstehen, die ihre Erkenntnisse in weite Kreise trägt und zu einer „transformativen Ökonomik“ und zu einer Repolitisierung der Wirtschaftswissenschaften beitragen kann.

apl. Prof. Dr. Niko Paech
Eine wichtige Herausforderung, die es zu meistern gilt, wenn der Entwurf einer "transformativen Wirtschaftswissenschaft" wirksam platziert werden soll, besteht darin, dass er nicht der erste oder derzeit einzige Aufbruch dieser Art ist. Die ökologische Ökonomik, die evolutorische Ökonomik, die plurale Ökonomik, die Bewegung der solidarischen Ökonomie, Degrowth, New Economics Foundation, das konvivialistische Manifest und manche andere Strömungen existieren zeitgleich und weisen, zumindest aus der Ferne betrachtet, inhaltliche und konzeptionelle Parallelen auf. Aber die jeweiligen Träger denken nicht daran, mit einer der anderen Tendenzen zu fusionieren, um ein stärkeres politisches Gewicht zu erlangen. Das klassische Dilemma, die eigene Schärfe und Besonderheit nicht auf dem Altar der Verallgemeinerung preisgeben zu wollen (also die Abgrenzung zwischen der Volksfront von Judäa und der Judäischen Volksfront im Zweifelsfall weiterhin zu pflegen), aber dafür einen gewissen Kannibalisierungseffekt zu riskieren, bleibt bestehen. Insbesondere dürfte es sehr schwierig sein, den Anspruch plausibel zu begründen, dass neben oder über der pluralen Ökonomik nun auch noch eine transformative Wirtschaftswissenschaft in Stellung zu bringen ist, um die Defizite und Pathologien der traditionellen Ökonomik zu überwinden.

Prof. Dr. Stephan Panther
Eine transformative Wirtschaftswissenschaft muss verstehen, wie Wirtschaftswissenschaft historisch schon immer Wirtschaft und Gesellschaft transformiert hat und wie und wo der herrschende Mainstream damit gesellschaftliches Lernen blockiert. Er tut dies nach meinem Verständnis vor allem, indem er Verteilungs-/Gerechtigkeitsfragen ebenso marginalisiert wie die Thematisierung des Wandels von Weltbildern, Werten, Institutionen – und Wettbewerb zum Allheilmittel stilisiert.
Eine transformative Wirtschaftswissenschaft muss also besser verstehen und thematisieren, wie sich Gesellschaften wandeln und auf welchen wie verknüpften Ebenen dies geschieht (Werte? Habitus? Institutionen?), wie dies medial und institutionell vermittelt wird, wie technologische, institutionelle und nationale (Macht-)Positionen Perspektiven bedingen und Koalitionsbildungen ermöglichen oder verhindern (die Verschränkung von Ideen und Interessen, „Sein und Bewusstsein“ oder warum auch nicht: Produktionsweisen und Produktionsverhältnissen) und was die Rolle von Wissenschaft für diese Prozesse ist. Auf einer thematisch und institutionell „mittleren“ Ebene ist die Literatur zu Innovationssystemen hier durchaus interessant, wenn auch alles andere als erschöpfend.
Transformative Wirtschaftswissenschaft muss gesellschaftliche Experimente systematisch anregen, begleiten und reflektieren, zur gesellschaftlichen Kommunikation über sie und mit ihnen beitragen und als gesellschaftliches Gedächtnis über sie dienen.
Sie ist notwendigerweise eine ebenso inter/transdisziplinäre wie international vernetzte Aufgabe.

Ulrich Petschow
Die Pariser Klimaabkommen stellt einen zumindest potenziellen Wendepunkt in der Diskussion um eine Nachhaltige Entwicklung dar. Die Politik sieht sich vor der Herausforderung des WIE des „Umbaus der Industriegesellschaft“ auf der nationalen und den regionalen Ebenen sowie der Wirtschaftssektoren und Unternehmen. Die Angebote „der“ Ökonomie mit Blick auf nachhaltige Transformationsprozesse sind bislang zum einen eher begrenzt und vor allem auf Fragen von Wachstums- und Wettbewerbsfähigkeit orientiert und werden zum anderen in der Regel nur begrenzt nachgefragt. These: Das WIE des Umbaus, also die Gestaltung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erfordert von den Wirtschaftswissenschaften, dass die Rolle der Gemeingüter (Commons) stärker in den Fokus geraten sollte und Partizipation, Inklusion und Verteilungseffekte einen anderen Stellenwert erhalten müssen.

apl. Prof. Dr. Helge Peukert
Besonders seit der Finanzkrise geht eine merkwürdige Schere auf: nicht nur in Deutschland wird in der Öffentlichkeit, von Seiten der Politik und aus der Zivilgesellschaft eine stärker reflexive, plurale, kritische, normative Aspekte nicht ausklammernde, historisch-institutionelle Faktoren einbeziehende Erweiterung der Wirtschaftswissenschaften eingefordert. Zumindest im universitären Bereich ist von einer solchen Öffnung aber kaum etwas zu bemerken und der Verein für Socialpolitik lässt plurale Ökonomen entgegen früheren Zusagen nicht eine einzige Session in Eigenregie auf seinen Jahrestagungen organisieren. Viele Ökonomen, die im Gefolge der Studentenbewegung in den 1960er Jahren in deutschsprachigen Universitäten ernannt wurden, gehen altersbedingt in Pension. Ihre jüngeren Nachfolger eint trotz des Eindrucks zunehmender thematischer Vielfalt (Verhaltens-, Komplexitätsökonomie usw.) ein formal-quasinaturwissenschaftliches Forschungsideal mit ökonometrisch überprüfbaren Modellen. Ein übriges bewirkte die Einführung des Bachelor, so dass man sich auf die vermeintlichen "Kernfächer" (Mikro, Makro, Ökonometrie) angesichts der Zeitknappheit meint fokussieren zu müssen. Angesichts dieser Monokulturalisierung gibt es aber neben dem Netzwerk plurale Ökonomik zwei Lichtblicke in der Hochschullandschaft: die Gründung der privaten Cusanus-Hochschule in freier Trägerschaft, die auch wirtschaftswissenschaftliche Schwerpunkte hat, und der Start eines pluralen Masterstudiengangs an der Universität Siegen im kommenden Wintersemester. Beide Initiativen sollten in die Überlegungen zur Vernetzung einbezogen werden.

Prof. Dr. Reinhard Pfriem
Das Ökonomische ist eine imaginäre gesellschaftliche Bedeutung, die sich nicht auf etwas bezieht, sondern den Ausgangspunkt darstellt, von dem aus gesellschaftliche Dinge als ökonomische vorgestellt werden (Cornelius Castoriadis). Keynes meinte 1928 in einer Rede vor Studenten in Cambridge, das ökonomische Problem könne in 100 Jahren erledigt sein. Das ökonomische Problem ist nach dieser aus dem 18. Jahrhundert stammenden Ökonomik die materielle Güterversorgung der Menschen, verbunden mit der immer schon falschen Behauptung, diese wert-, kultur- und kontextfrei denken zu können. Die kapitalistische Überflussproduktion lässt die Menschen derzeit in eine neue Etappe der Evolution eintreten, auch im Nachhaltigkeitsdiskurs wird immer deutlicher: das bloße Überleben ist ohne eine Wende zum guten Leben nicht (mehr) zu haben. Dafür braucht es Ökonomik als Möglichkeitswissenschaft: als Wissenschaft von den Bedingungen, Möglichkeiten und Hemmnissen der Akteure, die gesellschaftlichen Herausforderungen besser als bisher zu bewältigen. Das gilt nicht nur für die Theorie der Unternehmung, sondern für das, was (terminologisch ebenso anachronistisch wie Betriebswirtschaftslehre) als Volkswirtschaftslehre daherkommt.

Marius Rommel
Transformative Wirtschaftswissenschaft ist geeignet alternativökonomische Ansätze aus der Praxis impulsgebend zu unterstützen. Doch welche konkreten (betriebs-)wirtschaftlichen Alternativen können beispielgebend für eine lebensdienliche Ökonomie sein und sollten folglich zum Untersuchungsgegenstand gemacht werden? Eine Möglichkeit sehe ich in gemeinschaftsgetragenen Wirtschaftsformen wie der Community Supported Agriculture (CSA). Von spezifischem Interesse im Kontext transformativer Ökonomik ist sodann herauszufinden, welche Perspektiven und Grenzen bei der Übertragung von ‚Mustern des Gelingens’ des CSA-Ansatzes auf andere Bereiche (CSX) bestehen. Meine These ist, dass solche CSX-Modelle das Potenzial besitzen innerhalb bestehender ökonomischer Steigerungslogiken zu agieren ohne diese zu reproduzieren. Somit sind sie in der Lage koevolutiv strukturgebende Kräfte zu dynamisieren, aus denen eine Community Supported Economy erwachsen kann. Zugleich bietet die Teilhabe an CSX-Modellen die Chance sowohl für Erzeuger als auch Verbraucher die eigene performative Rolle zu erkennen und selbstwirksam lebenswerte (ökonomische) Zukünfte zu gestalten. Transformative Ökonomik kann im Sinne gesellschaftlicher Wirkungskraft zu einer zielgerichteten Ausgestaltung dieses regionalwirtschaftlichen Transformationsprozesses beitragen.

Dr. Wolfgang Sachs
Wirtschaftswissenschaftler sind Chrematisiker, aber zumeist keine Ökonomen – das würde Aristoteles sagen. Sie beschäftigen sich mit Gelderwerb und –akkumulation, aber nicht vorrangig mit den Gütern für ein gutes Leben. Wie können Werte wie Gesundheit, Gemeinschaft, Kultur, Schönheit zurückkehren in den Diskurs der Wirtschaft? Und wie die Werte von Stabilität, Wandel und Vielfalt der Natur? Es ist geboten, den Tunnelblick der Wirtschaftswissenschaft, nur auf den ökonomischen Wert zu starren, hinter sich zu lassen. Und konzeptuell wie methodisch den citizen value, der die Gesellschaft abbildet, und den existence value, der die Natur abbildet, zu integrieren. Eine Wirtschaftswissenschaft, die sich nur auf die Wirtschaft bezieht, versteht auch davon nichts. Sie muss in konzentrischen Kreisen in der Sozialwissenschaft, in der Philosophie und der Naturwissenschaft eingebettet sein.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind
Das Konzept "transformativer Wirtschaftswissenschaft" braucht für seine weitere Durchsetzung in der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Debatte plastische Konkretisierungen. Paul Masons (2015) Konzept des Post-Kapitalismus und seine Konkretisierung in Form von "Post-Capitalism and the City" ( https://medium.com/mosquito-ridge/postcapitalism-and-the-city-6dda80bc20... ) ist hierfür ein Kandidat. Sie verbinden neue Formen der Makro-, Meso- und Mikro-Analyse des Kapitalismus in der Informationsgesellschaft mit einem normativen Orientierungsrahmen und konkreten Handlungsstrategien. Damit machen sie das transformative Potenzial einer weiterentwickelten und aufgeklärten Wirtschaftswissenschaft deutlich.

Dr. Irmi Seidl
Meine These umfasst drei m.E. notwenige Bedingungen für eine Transformation: A) Ohne staatliche Interventionen wird sich an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten innerhalb nützlicher Frist keine (ausreichende) Veränderung gelehrter und erforschter Inhalte sowie entsprechender Berufungen ergeben, denn das System erhält sich selbst. B) Kritik an der vorherrschenden mathematisierten Ökonomik könnte bzw. sollte verstärkt aus der Mathematik kommen; die Frage ist, wie dies befördert werden könnte. C) Eines der Dramen der aktuellen Wirtschaftswissenschaften ist, dass sie den Haushalt, die dort erbrachten Leistungen und die ökonomische Einbettung ignorieren, entsprechend auch nicht der Mensch als wirtschaftender und nicht wirtschaftender Akteur im Blick ist, sondern nur als Produktionsfaktor und Konsument. Dies dürfte ein Grund dafür sein, weshalb Frauen in den Wirtschaftswissenschaften unterrepräsentiert sind, was wiederum die inhaltliche Ausrichtung mitbestimmt.

Prof. Dr. Sigrid Stagl
Ökologische Fragen sind immer auch soziale Fragen. Klimawandel ist die „Folge eines spezifischen, auf Wachstum, Beschleunigung und Zentralität ausgerichteten Entwicklungsmodells“ (Brunnengräber et al 2008). Klima-schutz braucht eine sozial-ökologische Transformation.
Deregulierter Handel gefährdet Klimaschutz. Abgeschlossene wie aktuell in Verhandlung stehende Freihandelsabkommen untergraben die Politik, die für einen erfolgreichen Klimaschutz notwendig ist.
Klimawandel und Klimapolitik wirkt auf die Arbeitswelt. Die Arbeitswelt wirkt auf Klimawandel und Klimapolitik. Arbeitszeit ist ein großes Thema, aber es wird kaum in Verbindung mit ökologischen Fragen diskutiert. Fokussierung auf Erwerbsarbeit steht der Suche nach sozial-ökologischen Alternativen im Weg.
Klimafreundliche Lebensweisen sind nicht Privatangelegenheit. Statt Verzicht braucht es soziale Infrastrukturen.

Prof. Dr. Andreas Thiel
Die Orientierung an gesellschaftlichen Problemen sollte in den Wirtschaftswissenschaften wieder in den Vordergrund treten. Widerstreitende Werturteile (Effizienz, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit) sollten gleichrangig in Forschung und Lehre Einzug halten und mit anderen sozial- und humanwissenschaftlichen und auch ethischen Analyseformen verwoben werden. Ziel muss die Entwicklung kontextangepasster (auch verfassungsmäßiger) Regeln sein, wie wirtschaftliches Handeln im 21. Jahrhundert zu organisieren ist. Unser Mangel an Vorstellungen und Wissen darüber, wie eine Wirtschaft, die der Gesellschaft nützlicher ist, ausgestaltet werden kann, erfordert die Erarbeitung von Wegen, dieses Wissen zu generieren und Vorstellungen zu erproben. Wie also können wir alternativ verfasste Wirtschafts- und Gesellschaftsformen erforschen, was sind die Grundvoraussetzungen hierfür? Welche Rolle spielen Individuen, Weltbilder, Ausbildung und unser jeweiliger Ausgangspunkt? Welche Rolle spielen kollektive und politische Prozesse und rechtliche Gegebenheiten in diesen Organisationsformen und in der Annäherung an sie?

Dr. Sebastian Thieme
Die achten Spiekerooger Klimagespräche adressieren die Idee einer Transformativen Ökonomik, die sich durch Transparenz, Reflexivität, Wertebezug, Partizipation und Vielfalt charakterisieren soll. Eine solche Ökonomik bedarf aus meiner Sicht vor allem aber einer Wissenschaftskultur, die nicht am Kampf der Paradigmen orientiert ist, sondern – dem Paderborner Erwägungskonzept folgend – eine respektvoll-wertschätzende Beschäftigung mit unterschiedlichen Zugängen und Erkenntnissen als selbstverständlich begreift. Es geht also nicht nur um Vielfalt, sondern um einen anderen Umgang mit Vielfalt. Die Zukunftsfähigkeit einer Transformativen Ökonomik wird sich vor allem aber an der lebenspraktischen Relevanz entscheiden. Im Sinne des geforderten Wertebezugs sind deshalb subsistenzethische Gesichtspunkte, d. h. Selbsterhaltung/ Subsistenz, Menschenwürde und gutes Leben, als notwendige Geltungsbedingungen – in ebenfalls erwägender Weise – zu berücksichtigen.

Prof. Dr. Claus Thomasberger
Wir befinden uns heute in der paradoxen Lage, über selbstgeschaffene ökologische Bedrohungen mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit zu wissen, gleichzeitig aber umso weniger in der Lage zu sein, praktische Schlussfolgerungen umzusetzen. Was ist der Ursprung dieses Paradoxons? Woran sind die bisherigen Versuche gescheitert, die zivilisatorische Sackgasse zu überwinden? Ein Kernproblem liegt, so meine These, in dem, was K. Polanyi als marktwirtschaftliches Denken bezeichnet. Um des technischen Fortschritts und materiellen Reichtums willen haben wir die Wirtschaft in einen selbstregulierenden Mechanismus verwandelt und unsere gesellschaftliche Ordnung, unsere Vorstellungen und Ideale diesem an- gepasst. Von den bedrohlichen Folgen überrascht, beginnen wir, an der Wahrheit mancher Ideen zu zweifeln. Hier hat die transformative Forschung anzusetzen. Indem sie die historischen Grenzen einer Gesellschaft aufzeigt, die sich auf die Kommodifizierung von Geld, Arbeit und Natur stützt, kann sie zu dem Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins beitragen, der für eine kreative Anpassung an die Bedingungen verschiedenartiger technologischer Zivilisationen im globalen Kontext unverzichtbar ist.

Dr. Tanja von Egan-Krieger
Die Erkenntnis, dass die Wirtschaftswissenschaften performativ sind, weil sie Sinnhorizonte stiften und Legitimationsmuster für den gesellschaftlichen Diskurs liefern, ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg hin zu einer redlichen Wirtschaftswissenschaft. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, das wesentliche Merkmal einer redlichen VWL sei der transformative Charakter der Theorie, ist fehlgeleitet. Diese Sicht beschränkt die Forderung der Reflexion auf die Wirkungskraft der Wissenschaft. Damit wird Wissenschaft noch mehr als bisher schon instrumentalisiert. Es sollen vorher von Wissenschaftlern festgesetzte Ziele erreicht werden. Stattdessen sollten auch und insbesondere die normativen Geltungsansprüche der VWL selbst, mithin die Ziele der Transformation, reflektiert werden. Dann gerät auch das Verhältnis von Wissenschaft zu Demokratie in den Blick. Das primäre Ziel von Wissenschaft sollte nicht die Transformation hin zu vorher festgelegten Zielen, sondern die Aufklärung sein.

Dr. Corinna Vosse
Als Soziologin und Projektentwicklerin interessieren mich Schnittstellen einer transformativen Wirtschaftswissenschaft mit ihrem konkreten Gegenstand. Nicht-nachhaltige Ökonomie hat sich ja nicht einfach durchgesetzt, weil die Wirtschaftswissenschaft sich abgewendet hat von sozialen und ökologischen Bedingungen des Wirtschaftens. Insofern gilt auch kaum der Umkehrschluss. Es braucht auf dem Weg zu einer transformativen Wirtschaftswissenschaft aus mindestens zwei Gründen nachhaltig agierende Betriebe: Sie unterstützen die inhaltliche Entwicklung der Lehre, bieten Forschungs- und Anwendungsfeld. Und sie befördern die nötige strukturelle Veränderung, bieten Anschauung, stiften Motivation und Sinn. Somit stellen sich zwei Schlüsselfragen: Welchen ordnungspolitischen Rahmen braucht es, damit nachhaltig agierende Betriebe existieren können, jenseits der Nische? Und wie muss Gesellschaft sich verändern, damit eine so ausgerichtet Ordnungspolitik zur Entfaltung kommt?

Prof. Dr. Ulrich Witt
Um nachhaltiges Wirtschaften zu erreichen, brauchen wir Transformationen auf allen Ebenen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Im Kleinen wie im Großen. Alle Ebenen bedürfen daher der Aufmerksamkeit einer transformativen Ökonomik. Über Studium und Reform des Details darf jedoch nicht aus dem Blick geraten, was insgesamt bewirkt werden muss: die Wachstumslogik der letzten zwei Jahrhunderte zu überwinden. Sie beruht auf der dem Kapitalismus eigenen Massenproduktion. Sie erlaubte die Produktivitätsfortschritte und Einkommenszuwächse der Vergangenheit. Aber hohe Beschäftigungsgrade kann man mit ihr nur bei dauerhaft hohem Wirtschaftswachstum aufrechterhalten. Wir wissen wenig darüber, wie geringes/fehlendes Wachstum Beschäftigung und Einkommensverteilung verändern wird; wie Arbeitsplätze, die wenig(er) Produktivitätssteigerung erlauben, attraktiv sein können; wie wir, gewohnt an die Erlebnis- und Statuswelt des Konsums, im Durchschnitt ohne Zuwächse unseres verfügbaren Einkommens zurechtkommen werden; wie in einer freiheitlichen Demokratie Mehrheiten für die immer umfangreichere Bereitstellung öffentlicher Güter (Umwelt, Bildung, Fürsorge, Sicherheit) auf Kosten des privaten Konsums organisiert werden können. Dies sind Kernfragen einer zukunftsfähigen Wirtschaftswissenschaft, die für die Gesamttransformation unseres Wirtschaftssystems auf Antworten warten.