Spiekerooger Thesen 2010

Irene Antoni-Komar
Moderne Geschichten des Glücks sind medial eingefangen in einer Spirale aus Wünschen und Sehnsüchten, Idolen und Idealen, aus deren An- und Auftrieb es kaum ein Entrinnen gibt. Glücksmomente scheinen in einer unendlichen Kette käuflich erneuerbar und grenzenlos machbar – so die Suggestion des Living on the Mainstream. Obwohl die pointillistische Sinn-praxis der konsumistischen Selbstsorge vermehrt als Überforderung in einer hurried society erfahren wird, hält Angst vor persönlicher Erfolglosigkeit den Motor des kreditbasierten Shopping-Lebens am Laufen. Kulturelle Gegenentwürfe der Suche nach Glück in Nachhaltiger Entwicklung – wie z.B. kreative Freiheit im Schaffen von Erfahrungsräumen – erscheinen vor diesem Hintergrund riskant, weil sie als Dissidenten der Steigerungslogik die soziale Mitgliedschaft und den individuellen „Marktwert” gefährden – doch nicht nur als widerständige Lösungen kollektiver Konsumexistenz bleiben sie alternativlos, sie bilden auch das Potenzial, aus dem wirtschaftliche Neuorientierung und kultureller Wandel geschöpft werden können.

Thomas Beschorner
„Das Glück schreibt mit weißer Tinte, Schmerz dagegen stimuliert. Nur darf der Schmerz nicht zu groß sein, weil er dich sonst zum Krüppel macht. Es hängt alles vom richtigen Grad des Leidens ab” (Woody Allen). Wer Filme des amerikanischen Schauspielers und Regisseurs kennt, weiß: Woody Allen geht es immer sowohl um „luck” als auch um „happiness”, meist auch um „pleasure” im Leben. Im Sinne eines dauerhaften subjektiven Wohlbefindens („happiness”) umschreibt er mit diesen Sätzen wenigstens drei wichtige Dimensionen von Glück: Erstens, wir können „unser Glück nicht fassen”. Zweitens, Glück ist (deshalb) relativ zum Leid; zugleich sozial, historisch und kulturell kontextualisiert. Und, drittens, ein zu großes Maß an Leid lässt keinerlei Glück mehr zu. Mit Bezug zu Klimawandel und Klimaschutz will ich daraus vier Fragen ableiten: (i) Erfassen wir aktuell und/oder zukünftig (subjektiv) das Leid, das uns durch den Klimawandel wiederfahren kann? (ii) Verursacht der Klimawandel (subjektiv wahrgenommen) nur Leid oder auch Glück? (iii) Inwieweit berücksichtigen volkswirtschaftliche Messverfahren („Glück-BIPs”) drohendes Unglück in ihren Methoden? (iv) Gibt es tipping points, bei denen Dimensionen des Klimawandels nicht nur Parameter des Glücks/ Unglücks sind, sondern zu so umfänglichem Leid führen, das kein Glück mehr ermöglicht?

Mathias Binswanger
Wenn das Bruttoinlandprodukt pro Kopf einmal ein bestimmtes Niveau erreicht hat, dann macht weiteres Wachstum die Menschen nicht mehr glücklicher oder zufriedener. Das Glücksempfinden stagniert und zwar in allen Ländern, für die entsprechende Daten vorliegen. Es scheinen Mechanismen zu existieren, die in entwickelten Ländern einer Zunahme des subjektiven Wohlempfindens mit dem Wirtschaftswachstum entgegenwirken. Diese Mechanismen lassen sich als Tretmühlen interpretieren, da die Menschen, obwohl sie stets einem höheren Einkommen hinterher rennen, glücksmäßig an Ort und Stelle treten. Daraus ergibt sich ein Dilemma für die moderne Wirtschaft: Wachstum macht die Menschen nicht glücklicher und erschwert den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, aber es ist notwendig für das Funktionieren der Wirtschaft.

Ingolfur Blühdorn
Die partizipatorische Revolution suchte das authentische Selbst, das erfüllte Leben und das wahre Glück jenseits der ökologisch und sozial zerstörerischen Logik der traditionellen Moderne. Seit der stillen Revolution, die den neuen sozialen Bewegungen den Weg bahnte, hat ein erneuter Wertewandel selbst im sogenannten Bionadebiotop die Glücksvorstellungen tiefgreifend verändert. In einer Art Emanzipation zweiter Ordnung haben sich moderne Gesellschaften von allen kategorischen Imperativen befreit. Identitätsbegriffe und Vorstellungen vom erfüllten Leben haben die Logik der Nicht-Nachhaltigkeit fest verinnerlicht. Ob moderne Konsumentendemokratien überhaupt noch über die normativen Ressourcen verfügen, die für den Wandel zur Nachhaltigkeit unverzichtbar sind, darf bezweifelt werden. Doch selbst wenn sie sich im Einzelfall mobilisieren ließen, bliebe die praktisch unlösbare Aufgabe, die von den Industrienationen bis heute forcierte Abkehr von der Suffizienzlogik international zu revidieren.

Hans Diefenbacher
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.” (Martin Buber)
Wie viel Glück ist möglich in Zeiten des Klimawandels – das klingt wie die postmoderne Variante von Gabriel Garcia Márquez’ Liebe in den Zeiten der Cholera. Nur, dass die gelbe Choleraflagge nicht mehr gehisst wird, um das private Glück von Liebenden hinter dem Schutzschild einer vorgetäuschten Gefahr zu bergen – nun genießen die reichen Verursacher des Klimawandels ihr privates Glück, während sie umgeben sind von zunehmendem Leid, ohne die Warnsignale auch nur im Entferntesten angemessen wahrzunehmen und in verantwortliches Handeln umzusetzen.
Wie viel Glück in Zeiten des Klimawandels – eine Frage, die ins Leere führt? „Wirklich glücklich kann nur sein, wer mit sich im Reinen ist, Selbstachtung besitzt, soziales Verhalten lebt, Freundschaften pflegt, Optimismus ausstrahlt.” Ein Minimum an materieller Sicherheit muss gewährleistet sein, aber zwischen Glück und Klimawandel gibt es, leider, keine klare Korrelation. Verantwortliches Handeln in Zeiten des Klimawandels muss sich an anderen Indikatoren orientieren, die Auskunft geben über unseren Umgang mit der Schöpfung und über die Verteilung der Güter in der Welt.

Sabine Döring
Die Debatte um moralische Verpflichtungen zur Verminderung des Klimawandels konzentriert sich auf Konsequenzen: die klimaschädlichen externen Effekte sind Konsequenzen von Handlungen, die wir um anderer Konsequenzen willen ausführen, nämlich solchen, die uns Nutzen, Glück oder dergleichen stiften (uns persönlich, unseren Lieben, unserem Land usw.). Es scheint, als seien wir moralisch verpflichtet, auf noch das letzte bisschen persönlichen Glücks zu verzichten, da wir nur so negative Konsequenzen für die Umwelt, unsere Mitmenschen, zukünftige Generationen minimieren und so das Gute in der Welt maximieren können. Die Wahl zwischen persönlichem Glück und Verantwortung, so meine These, fällt hier immer zu Ungunsten der eigenen Person aus, weil der Konsequentialismus für diese Art von Güterabwägung gar keinen Raum lässt. Es gibt, so werde ich argumentieren, zum einen auch Rechte individueller Personen sowie sogar Pflichten gegenüber sich selbst und zum anderen den normativen Begriff eines tugendhaften Charakters, die beide dazu geeignet sind, der scheinbar unausweichlichen „Selbstverleugnung” des Konsequentialisten eine Selbstkonzeption entgegenzusetzen, die verantwortliches Handeln und persönliches Glück versöhnt – nicht zuletzt, indem beide nicht-konsumistische Glücksbegriffe implizieren.

Felix Ekardt
Wenn aktuell in Politik, Praxis und Wissenschaft alle noch schnell auf die Züge „Nachhaltigkeit”, „Klimawandel” oder „Wachstumskritik” aufspringen, wird dabei meist Bekanntes als Neuigkeit verkauft: Die nötigen naturwissenschaftlichen Problemdiagnosen, die relevanten persönlichen Handlungsfelder, die ethisch-juristischen Prinzipien und Abwägungsregeln, die deskriptiven Analysen zu Ursachen und Transformationsbedingungen weg von der Nicht-Nachhaltigkeit und die politisch-rechtlichen Instrumente (Mengensteuerung, nicht einfach „Mix”) liegen relativ klar zutage. Es fehlt die reale Aktion. Auch deutlichere Vorbilder wären vielleicht hilfreicher als immer neue Debatten. Politisches Engagement, Fleischkonsum, Flugreisen, Individual-Pkw oder Raumwärme müssen von reinen „Debatten-Themen” zu „Handlungs-Themen” und „Glücks-Themen” werden.

Andreas Ernst
Glück ist kein Gleichgewichtszustand, sondern ein Oszillieren zwischen raumgreifender Exploration (Lust nach Neuem) einerseits und der Befriedigung von Sicherheitsbedürfnis (Abwehr von natürlichen und sozialen Unsicherheiten) andererseits. Beide Aktivitäten gehen historisch und auf allen Skalen mit ungebremstem Material- und Energieeinsatz einher (auf neue Bedrohungen wird mit neuen Abwehrmaßnahmen reagiert, auf neue Sicherheit wird mit neuen Reizen reagiert). Psychologisch gilt es wohl, mit weniger Material- und Energieeinsatz sowohl Sicherheit zu geben als auch immer neue Reize zu produzieren.

Michael Großheim
Glück wird in der Moderne vor allem als Momentglück verstanden, d. h. von vornherein an einen kleinen Zeithorizont gebunden. Dem stehen in der Antike einflussreiche Konzepte gegenüber, die Glück in wesentlich größere Zeithorizonte einbetten, etwa als Lebensglück. Dahinter steht eine in der Antike viel intensiver gepflegte Zeithorizontkultur, die z. B. in der Tragödie oder im Mythos das Denken in Generationen einübt. In der Gegenwart wird dagegen Zeithorizonterweiterung nicht als vordringliche Aufgabe der Kultur gesehen, so dass eine starke Neigung besteht, auf den Klimawandel wie auch auf alle anderen langfristigen Probleme mit Keynes zu reagieren: „In the long run we are all dead.” Wenn der Klimawandel der Zukunft bereits in der Gegenwart ernst genommen werden soll, muss also zuerst unsere brachliegende Zeithorizontkultur wieder belebt werden.

Ludger Heidbrink
Glück ist keine Frage des Lebensstandards, sondern der Handlungsoptionen. Der Klimawandel scheint diese Optionen zu reduzieren: weniger Mobilität, weniger Geld, weniger Konsum. Damit der Klimawandel nicht als Glücksbedrohung erscheint, müssen neue Handlungsoptionen geschaffen werden. Dabei geht es nicht um mehr Optionen, sondern um ihre Verdichtung. Der Klimawandel erfordert eine Einübung in die konzentrierte Nutzung von Ressourcen, Zeit und sozialen Beziehungen. Wir müssen Dinge länger benutzen, die Zukunft sorgfältiger planen, Kontakte besser pflegen. Glück und Zufriedenheit entstehen in der Befreiung von Überflüssigem und der Fokussierung auf das Wesentliche. Lebensverdichtung sorgt dafür, mit dem Wichtigsten auszukommen. Der existenzielle Essentialismus trägt dazu bei, den Klimawandel nicht (nur) als Verlust, sondern (auch) als Gewinn zu erfahren.

Martina Heßler
Indem die Vorstellung von Glück seit dem 18. Jh. an Wohlstand gebunden
wurde, wurde Glück zugleich machbar. Technik wurde dabei zu einem Garant für die Machbarkeit eines „guten Lebens” im Sinne von Freiheit von existenzieller Sorge und Wohlstand. Allerdings führte sie zur Erosion der Grundlagen des guten Lebens (Umweltprobleme/-zerstörung). Zudem ist unsere technische Kultur ausgesprochen verletzbar (Unfälle, Naturkatastrophen). Notwendig ist daher „weniger” Technik und eine soziale und räumliche Neuorganisation von Gesellschaft: Dezentrale Raumorganisation, soziale Netzwerke statt Technik, Senkung des Energieverbrauchs durch weniger Technik. Kurz: das Glück wagen, hieße in Zukunft, nicht auf die Machbarkeit des materiellen (und technisch herstellbaren) Glücks zu setzen, sondern soziale Zusammenhalte und lokale Einheiten des „Wir” zu stärken.

Dietmar Kraft
Als Ökologe bedient man sich dort, wo vermeintlich Unbewertbares bemessen werden soll, eines Leitbildes. Der „gute ökologischen Zustand” z.B. beschreibt den angestrebten Status eines Ökosystems. Das Streben nach Glück ist ein wesentliches Menschenrecht und somit ein mögliches Leitbild für den „guten Zustand des Seins”. Aber ist wirklich, nach Hans Jonas, die „Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden” die Grundlinie?
Es regt sich Widerspruch, fast Trotz in mir: wir sind unstrittig für unser Handeln verantwortlich, und verantwortlich zu machen. Aber: was genau ist in seinem Bestehen bedroht? Sind wir tatsächlich in der Defensive? Oder sind wir schlicht in einer gewissen Euphorie, einem „Glücksrausch” in Zeiten der Wunder über das Ziel hinaus geschossen? Und ist dann der Schritt zurück wirklich ein Rückschritt? Oder haben wir noch mal Glück gehabt?

Angelika Krebs
Reden wir einmal nicht über moralische Pflichten und Gerechtigkeit gegenüber Menschen in fernen Ländern und Zeiten. Reden wir über eigeninteressierte Motive und unser persönliches Glück. Reden wir darüber, warum es jedem von uns etwas bringt, die Natur zu schonen. Vielleicht kommen wir so weiter. Ich denke nicht an so offensichtliche Motive, wie dass es gar nicht gesund ist, jeden Tag Fleisch zu essen. Ich denke auch nicht an das schon weniger offensichtliche Motiv, dass keine Hoteloase der Welt gegen die Wellness einer Wanderung in den Bergen oder am Strand des Meeres ankommt. Ich denke auch nicht an das kaum zu überschätzende Motiv der ästhetischen Erfüllung in schöner und erhabener Natur. Ich denke vielmehr an etwas, was man in Deutschland kaum sagen kann, obwohl die deutsche Sprache vielleicht als einzige dafür ein Wort hat. Ich denke an Natur als Heimat, als Teil unserer Identität. Lassen wir uns diesen guten alten Begriff nicht durch seinen Missbrauch im Dritten Reich wegnehmen. Hören wir Deutsche doch auf, uns auf unsere angebliche Heimatlosigkeit, unseren postnationalen Kosmopolitismus etwas einzubilden. Machen wir es lieber wie neuerdings die Schwaben mit ihrem Bahnhof in Stuttgart. Stellen wir uns kollektiv gegen die Auswechslung der Landschaft. Kämpfen wir gegen Planierung, Flurbereinigung, Entwässerung, Kanalisierung, Überdüngung, Artenvernichtung, Verbauung, Zersiedelung, Verschandelung, Beleuchtung, Zerschneidung, Begradigung und Verkabelung. Denn eine ausgeräumte Natur kann uns, kann niemandem mehr Heimat sein.

Udo Kuckartz
WIR müssen uns einschränken, aber ICH nicht – das ist die dominierende Haltung der Mitglieder westlicher (Konsum)Kulturen. Quasi reziprok zu Jonas’ Perspektive, als er die Frage „Wie viel Glück ist möglich?” stellte, bin ich überzeugt, dass unsere spezifische Ausformung des Strebens nach (individuellem) Konsumglück verhindert, dass wir die existenzielle Bedrohung der Gattung überhaupt an uns heranlassen und unser Handeln signifikant ändern. Von der Welt des Konsums somatisiert, vom allgegenwärtigen fürsorglichen Staat beruhigt, von der ständigen Medienberichterstattung über Katastrophen abgehärtet, wollen wir nicht so recht wahrhaben, was auf uns zukommt.
Was bringt mir das, mich einzuschränken, fragt sich der einzelne Mensch in der zweiten Moderne und strebt nach dem Porsche Cayenne oder VW Touareg, so lange es noch geht.

Reinhard Loske
Der Green New Deal wird zum neuen Mainstream, auch wenn es manche noch nicht kapieren und zu verhindern trachten. Darüber könnte man sich eigentlich uneingeschränkt freuen. Kann man aber nicht so ohne weiteres, denn es leben auch Mythen wieder auf, die es eigentlich zu überwinden gilt. Das gilt vor allem für die These vom (diesmal grünen) Wachstum durch (diesmal Öko-)Innovationen und (diesmal bewusstem) Konsum. Viele Fragen werden in diesem Diskurs gar nicht mehr gestellt, etwa die nach dem rechten Maß und der gesellschaftlichen und individuellen „Durchhaltbarkeit” des „Immer Mehr, immer schneller, immer weiter”. Die im Gegenzug aufkommende Debatte über die „Postwachstumsgesellschaft” ist gut und nützlich. Wir brauchen sie als Gesellschaft dringend. Man muss aber verdammt aufpassen, sie nicht aus einer bloßen Perspektive des „Überdrusses am Überfluss” zu führen - aus „Ekel vor dem Zuviel”. Dann kann sie leicht als Spleen einer gelangweilten „Bionade-Bourgeosie” denunziert werden (von links und rechts). Was nottut ist eine soziale Theorie der Suffizienz, eine Politik der Mäßigung, die (im umfassenden Sinne) auf Balance setzt.

Marco Lehmann-Waffenschmidt
Der Begriff „Glück” scheint wegen der damit assoziierten Subjektivität, seines Pathos und seines unbestimmten Zeitbezugs (Moment oder Dauer?) nicht theoriefähig zu sein – ein Thema eben für den philosophischen Diskurs. Vereinfacht zur „Lebenszufriedenheit” erscheint „Glück” für die sozialwissenschaftliche Analyse auf verschiedenen Gebieten aber durchaus geeignet – z. B. aus ökonomischer (Kausalfaktor Wohlstand), politischer (direkte Demokratie) oder ökologischer Perspektive (Qualität der natürlichen Lebensgrundlagen). Dass diese Vereinfachung für ein adäquates Verständnis menschlichen Glücks allerdings zu kurz greift, zeigt z. B. H. Chr. Binswangers Analyse des zweiten Teils von Goethes „Faust”: Faust sucht als Repräsentant der Menschheit sein Glück in Entgrenzung und Status-konkurrenz mit Gott – mit Hilfe des Instruments grenzenloser ökonomischer Wertschöpfung.

Ingo Mose
Das sog. Glück unseres heutigen Lebens in den Industriegesellschaften des Westens ist auf das Engste (und häufig einseitig) verknüpft mit der Realisierung von Wohlstand in Form von Gütern, Dienstleistungen etc. Die Gestaltung solcher Wohlstandserwartungen wiederum verdankt sich primär dem technischen Fortschritt und den daraus resultierenden Möglichkeiten. Im Angesicht des Klimawandels (und anderer globaler Problemlagen) wird unser zukünftiges Glück notwendigerweise mit dem wachsenden Verzicht auf bisher Selbstverständliches verbunden sein. Auf die damit verbundenen Herausforderungen sind unsere Gesellschaften nicht hinreichend vorbereitet. Wir brauchen von daher dringend „Labore”, in denen wir alternative Wege zum Glück jenseits der bisher dominierenden Muster entwerfen, reflektieren und einüben können: Weniger statt mehr, langsamer statt schneller, kleiner statt größer, dauerhafter statt kurzzeitiger …. könnten mögliche Parameter für die Einübung einer neuen Kultur des Glücks lauten. Unsere Gesellschaften auf diese Aufgabe vorzubereiten, fällt auch und gerade in die Verantwortung der Wissenschaften.

Niko Paech
Das Streben nach individuellem Glück als Zielgröße für ein gelungenes Leben entfacht eine ungeheure Mobilmachung, weil das, was wir Glück nennen, in immer kürzeren Zeitabständen neue Gestalt annimmt. Dafür sorgen Kultur, Kontext und Unternehmen. Kaum dass vermeintliches Glück gefunden wurde, zerrinnt es oder entpuppt sich als inferior gegenüber neuen Glücksinnovationen, denen es nachzueilen gilt. Diese Suche – sie gleicht der Jagd nach Phantomen – kann nie beendet werden, sondern verlangt nach zusehends wirkmächtigeren und weiter reichenden Hebeln. Eine Vorwärtsbewegung, die keine Ankunft kennt, verwandelt alles in Mittel („Ver-Mittelung”). Nichts kann mehr um seiner selbst willen Geltung beanspruchen, weil es einerseits beweisen muss, dem individuellen Glück zu dienen, welches andererseits schon morgen auf ein anderes Objekt, Erlebnis oder Symbol hüpft. Irgendwann macht der Glücksjäger, das „erschöpfte Selbst”, schlapp und muss therapiert werden… Wer ist der Therapeut und was ist Therapie? Ersterer ist der Kollaps, also reines Schicksal.
Letzteres sind Ruhe, Beständigkeit, Übung, Konzentration, die wieder erlangte Übersichtlichkeit des Möglichkeitenhorizonts. Vor allem aber Zeit.

Reinhard Pfriem
Das Glücksversprechen der modernen Wirtschaftsgesellschaften gegenüber vorherigen Verhältnissen hieß (und heißt immer noch), die Menschen nicht erst im Himmel selig zu machen, sondern schon auf Erden. Das soll(te) geschehen auf einseitig materialistische Weise: durch Maximierung zur Verfügung stehender käuflich erwerbbarer Güter und Dienstleistungen. Gesellschaften, die auf die Schaffung abstrakten Werts als Leitwert gepolt sind, damit dies als Sinnperspektive glücklichen Lebens transportieren, erweisen sich als unfähig sowohl, den Menschen ein gelingen könnendes Leben zu ermöglichen, bei dem Glück aufscheint, als auch nur, solchen Herausforderungen wie Klimawandel aktiv entgegenzutreten. Änderung ist nur möglich in dem Maße, in dem die Organisationen und Institutionen, die die ungezügelte Verbreitung dieses alten Glücksmodells betrieben haben und betreiben, für sich selbst Wege finden, eine neue dominante Logik zu entwickeln, für die Elemente wie Entschleunigung und Muße, Entwicklungsfähigkeit lokaler und regionaler Einheiten, Erhöhung sozialer Gerechtigkeit, partnerschaftlicher Umgang mit Tieren und Biodiversität sowie die Entfaltung kultureller Kompetenzen wesentlich sind. Insbesondere die Unternehmen als führende ökonomische Organisationen sind hier gefordert.

Birger Priddat
Erst im 18. Jahrhundert beginnt die Konjunktur des „Glücks': unter Einfluss der epikuräischen hedone und mit der Definition der Politischen Ökonomie: to better the comfort of life (Smith). Seither wird Glück als im Leben erreichbares Ziel möglich. Im neuen Kapitalismus bekommt die Geschichte einen immanenten Sinn: konnotiert über Freiheit, Fortschritt, Emanzipation, Einkommenssteigerung. Im jetzigen post-histoire, dem Ende der Geschichte (Fukuyama, Lyotard) bleibt lediglich der technische Fortschritt; andere Steigerungen (Wachstum, erstrebenswerte Formen der Politik) werden als nicht mehr sinnhaft erlebt. Die Geschichte hat ihre Teloskompetenz verloren; wir transformieren in eine Diversität vieler Geschichten, mit der Konjunktur des „kleinen Glücks', das nicht mehr über Arbeit und Zukunft definiert ist, sondern über Ereignishaftigkeit, Vitalität und short gains. Wir vergegenwärtigen, wollen Glück instantemente, weil wir von der Zukunft nichts erwarten. Die ökologischen Probleme erfahren wir als drohende Restriktionen, was das Gefühl, das Glück jetzt noch zu forcieren, steigert (noch einmal 300 PS ausfahren, bevor es nicht mehr geht).

Stephan Rammler
Das Glückskonzept der Moderne ist wahlverwandt zur Idee der Steigerung. Große Teile des Nachhaltigkeitsdiskurses erliegen noch immer dem Erlösungsmythos dieses Steigerungsspiels der Erweiterung technologischer und ökonomischer Möglichkeitsräume. Am Ende aller sinnvollen Fortsetzungsvermutungen für dieses Vergesellschaftungsprinzip sollte die Engführung von Nachhaltigkeits- und Glücksdiskurs Wege aufzeigen, das Leitbild der Nachhaltigkeit auf das einzig zukunftsfähige Fundament eines steigerungsbefreiten Konzeptes von Glück und individueller Sinnerzeugung zu stellen. Nur das Anliegen, Konzepte der Suffizienz, der klugen Einschränkung, der maßvollen Schrumpfung und des „De-Designs” in lebensweltlich sehr konkret greifbare Narrationen und Alltagsszenarien subjektiven Wohlbefindens zu übersetzen und als individuelle und politische Handlungsoptionen zu kommunizieren, kann vom Glück der Nachhaltigkeit schließlich auch zur Nachhaltigkeit des Glücks führen. Der Glücksbegriff wird damit zum Angelpunkt des Anliegens einer umfassenden kulturellen Transformation. Das Leitbilder schaffende Potential der Sozial- und Kulturwissenschaften im Verbund mit den kreativ-gestalterischen Disziplinen ist dabei nicht zu überschätzen.

Herbert Schaaff
Moderne Gesellschaften verfügen vor allem wegen der allumfassenden Ökonomisierung nur über eine unbefriedigende Glückseffizienz. Ökonomischer Aufwand (Arbeitszeit, Ressourceninput für die Produktion materieller Güter etc.) und moralischer Ertrag (größere Zufriedenheit, größeres Glück) stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander. Vielmehr ist – getreu dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen - ab einer gewissen Höhe des materiellen Wohlstandes keine Zunahme des individuellen Zufriedenheits- und Glücksniveaus mehr feststellbar. Die existierende, vorgeblich hochproduktive Produktionsweise basiert zudem auf einer extensiven Ausplünderung und Belastung der Natur (des Klimas) und ist deshalb nicht dauerhaft fortsetzbar. Auf beiden Seiten der Ökonomie, der Produktions- und Nachfrageseite wird eine veränderte, nachhaltige Ökonomie ansetzen müssen. Der Entwicklungsstand der Ökonomie in der Nachknappheitsphase drängt sich also für ein Umdenken und Umsteuern auf. Die gleichzeitige ökologische Überforderung aufgrund des hohen Verbrauchsniveaus erzwingt das Umsteuern geradezu. Es sind verschiedene Lebensweisen und Wirtschaftsformen möglich, die zumindest gleiches Glück gewährleisten. Mit dem Ende des Wachstums muss sich das Glück der Menschen nicht vermindern. Insofern kann die Ausgangsfrage folgendermaßen beantwortet werden: „Ja, in einer ökologischen Glücksökonomie ist mehr Glück möglich!”

Imke Schmidt
In den letzten Jahren wird zunehmend die These vertreten, dass Konsum nicht in dem Maße glücklich macht, wie er es in verheißungsvollen Momenten des „Shoppens” verspricht. Vielmehr sinke das Glücksniveau tendenziell mit steigendem Einkommen und zunehmenden Konsumoptionen. Für das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung ist das zunächst eine gute Nachricht, denn das Konsumniveau westlicher Industrienationen ist maßgeblich für diverse Probleme im Bereich Umwelt und Klima verantwortlich. Die Alternative lautet daher: Weniger materieller (Massen)Konsum, dafür mehr Lebensqualität im Sinne von Familie, Freizeit oder Bildung.
Das hört sich vielversprechend an, scheint aber mit gewachsenen kulturellen Mustern in (westlichen) Konsumgesellschaften zu kollidieren. Ob nun Ersatzbefriedigung oder nicht, müssen wir zunächst anerkennen, dass Konsum in vielen modernen Gesellschaften wichtige soziale und auch persönliche Funktionen erfüllt. Konsum macht also in gewisser Weise durchaus „glücklich” – ob es sich dabei um „falsches” oder „richtiges” Glück handelt, sei zunächst einmal dahingestellt. Um eine Entwicklung weg vom materiellen Konsumstil hin zum qualitativen Lebensstil zu schaffen, müssen die mit dem Konsumieren verbundenen Glücks- (und Unglücks-)Momente daher näher durchleuchtet werden. Denn solange nicht klar ist, wofür genau ein Ersatz gefunden werden soll, laufen die besten „Qualitäts”-Strategien ins Leere.

Uwe Schneidewind
Die Suche nach Wohlstandspfaden jenseits einer materiellen Wachstumsorientierung leidet unter einem erheblichen Empirie-Defizit in der Forschung. Wir wissen viel zu wenig empirisch Gesichertes über die sozialen und kulturellen Bedingungen der Möglichkeit von gelungenen Lebensentwürfen.
Die Debatte über (neue) Wohlstandsmodelle oszilliert zwischen anekdotischen alternativen individuellen Glücksentwürfen und der Orientierung an einer globalen Steigerung des Brutto-Sozialproduktes. Um dieses Defizit zu beseitigen, bedarf es einer breiten Ausweitung empirischer Forschung, die (global) in unterschiedlichen sozialen Settings und kulturellen Kontexten die Bedingungen für die Möglichkeiten „glücklicher” Lebensentwürfe untersucht. Diese Erkenntnisse können uns Hinweise für den Entwurf von Bildungssystemen, von sozialen Sicherungssystemen, Einkommensverteilung, Arbeitszeitmodellen, Stadtgestaltung und vielem mehr jenseits einer reinen materiellen Wachstumsorientierung liefern.

Reinhard Schulz
Eine quantifizierende „wie viel- Perspektive” im Hinblick auf die Möglichkeitsbestimmungen von Glück bedeutet einerseits eine Verabschiedung von überlieferten selbstgenügsamen eudämonistischen Glücksvorstellungen (Aristoteles) und erzwingt andererseits eine Auseinandersetzung mit modernen nichtteleologischen Konzepten der „Wegbewegung” vom Unglück (z.B. Michael Hampe). Doch wird eine Logik des immer mehr (Glück) oder des immer weniger (Unglück) den Akteuren gerecht, die die notwendige Bewältigung aktueller Krisen herbeiführen sollen?
Eine philosophische Antwort wird nicht zuletzt davon abhängig sein, ob eine therapeutische Philosophie der Alltäglichkeit (Wittgenstein) heute möglich und auf Krisenszenarien anwendbar erscheint und an welchen Voraussetzungen und Standards sich eine damit intendierte „Erziehung für Erwachsene” (Stanley Cavell) orientieren sollte.

Bernd Sommer
Aus der sogenannten Glücksforschung sowie der subjektiven Wohlfahrtsforschung ist bekannt, dass ökonomisches Wachstum nur begrenzt zur Steigerung des persönlichen Wohlbefindens beiträgt. Langfristig droht ein permanentes und stetiges Wirtschaftswachstum sogar die Voraussetzungen dafür zu untergraben, dass Menschen glücklich sein können. Die Orientierung an alternativen Wohlstandskonzepten ergibt sich nicht nur aus den Grenzen unseres Erdsystems („Planetary Boundaries”), sondern auch aus der grundsätzlichen Offenheit menschlicher Lebensentwürfe.

Andreas Weber
Die Frage nach dem Glück – nach dem guten Leben – ist nicht die Frage nach dem, was wir sollen, sondern was wir brauchen. Was haben wir nötig, um unseren leibseelischen Anlagen gemäß zu existieren? Erst dann können wir weiter fragen, wieviel möglich ist. Unser zentrales Bedürfnis, so meine These, besteht nach wie vor in der Gegenwart von Natur – und zwar sowohl physisch (als Nahrungsgrundlage und bewohnbare Umwelt) als auch seelisch (als Garant existentiellen Eingebettetseins, als Hort seelischer Bilder). Diese Dimension fehlt in der Klimadiskussion und in allen an sie anschließenden Debatten. Diese haben vor allem den Menschen als Kulturwesen im Blick. Aber gerade das macht möglicherweise das Dilemma unlösbar. Glück ist nur dann möglich, wenn wir so viel Natur aufheben wie irgend machbar. Das gilt unter allen denkbaren sozialen, ökologischen und klimatischen Regimes. Das heißt: Natur aufzuheben ist immer sinnvoll – und, als Glück, möglich. Als Konsequenz auf das ökonomisch-klimatische und zivilisatorische deadlock schlage ich daher eine pragmatische Antwort auf die im Tagungsthema gestellte Frage vor: Wir können zu unserem Glück Natur „beiseite legen”; – und wir sollten alle unsere Energien darauf konzentrieren, das zu tun. Ich schlage zu diesem Zweck eine an Allmende-Prinzipen orientierte globale Lebensstiftung vor, die Natur erwirbt, um sie als einen Raum des Möglichen zu erhalten.

Harald Welzer
Kapitalismus bedeutet die Herrschaft der Gegenwart über die Zukunft. Es ist falsch, wenn immer wieder gesagt wird, an den Börsen werde Zukunft gehandelt. Nicht erst, seit dort das meiste in den Sekundenbruchteilen des Computerhandels erledigt wird, gilt das Prinzip der kurzfristigen Gewinnmaximierung, das den Zukunftshorizont der Quartalsberichte selten überschreitet. Denn das Kernprinzip dieser Art von ökonomischer Vernunft besteht darin, zum Erzielen kurzfristigen Nutzens langfristige Schäden in Kauf zu nehmen. Mit der zynischen Pointe, unter Nutzung der gegenwärtigen Gewinnchancen so viel zu erwirtschaften, dass die Beseitigung der leider unvermeidlichen Schäden finanziert werden kann.
Wie das in der Wirklichkeit aussieht, ließ sich am Fall BP eingehend studieren. Klar ist: Die Zukunft gerät bei dieser Form des Wirtschaftens automatisch unter das Diktat der Gegenwart. Das fiel so lange nicht auf, wie die Welt noch nicht das Stadium der Ressourcenübernutzung erreicht hatte, sondern ein scheinbar unendlicher Planet zur Verfügung stand, um die in jeder Hinsicht kostspielige westliche Lebensform und ihre Glücksversprechen zu speisen. Heute kommt es darauf an, ein anderes Glück als das des expansiven Konsums greifbar zu machen. Dabei wird man sich zumuten müssen, marktwirtschaftliche Grundkategorien wie Eigentum, Wachstum, Reichtum in Frage zu stellen – womöglich alles, was auf -tum endet.